Die Kunst ist die Kür

Töten Wissenschaft und Technik die Kunst?

Gestern kam ich ins Gespräch mit einem literarisch überaus gebildeten Manne, wohl um die sechzig, der meinte, selber Autor für Funk, Film und Fernsehen (gewesen) zu sein, und wie die Rede wogte, kamen wir wiederum darauf, dass es seit Kafka und Strauss – er nannte in der Musik als Ausnahme noch Schönberg – , also seit circa drei Generationen, keine mit den Großen vergleichbare Kunst mehr gebe.

H. ging sogar soweit, dass es gar keine Autoren und gar keine Leser mehr gäbe. (Ich ersparte es unserem Dialoge nicht, dass immerhin ich noch oder wieder da sei.)

Worauf er das zurückführe? – Er hatte flugs ein Hegel-Zitat parat, das ich mir, zwischen allem anderen, leider nicht genau gemerkt habe, aber darauf hinauslief, dass es irgendwann künftighin nur noch die Wissenschaften geben werde, die Kunst ob dieser verenden.

“Schau’s dir doch mal an: überall nur noch Technik, Technik, Technik! Es ist kein Platz mehr da für die Kunst! Wer liest denn heute noch ernsthaft einen Text, der länger ist, als vier Seiten?”

Vielleicht will ich es nur nicht wahrhaben, dass er recht hat – er meinte, er sei Taoist und gab von daher den Gelassenen, während ich mich dawider zur germanischen Dynamis bekannte – : Ich wandte ein, dass es eben wacker und unverdrossen entsprechender Anstrengungen bedürfe, dies zu ändern, nahm gar das Wort von einer Zweiten Renaissance in den Mund.

Klar ist, dass die vorgeblichen Antagonisten Wissenschaft und Kunst zunächst derselben Rune, Kenaz, zuzuordnen sind, so dass es schon wunder nimmt, weshalb sie Gegner sein sollten. (Spontan vermute ich, dass hier im Zusammenspiel mit Geba, Raidho und Othala etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Das aber, da sich ja praktisch niemand für Runen interessiert, nur am Rande.)

Na gut, ein bisschen muss ich diese Konjektur doch erklären, auf dass sie nicht daherschwappe wie der berühmte Schluck Wasser in der Kurve: Es mangelt der Gabe, speziell auch der Hingabe, des Rhythmus’, also höherer Ordnung, und des Heiligen Hains.

Des Heiligen Hains auch physisch, aber vor allem geistig, in den Selbsten.

Will heißen, dass wir des wirklich eigenen inneren Raumes verlustig, des Hags, ohne welchen das Besondere nicht zu schaffen. (Das soll jetzt keine Ausrede für meinen immer noch nicht aufgeräumten Schreibtisch sein, da ich ja genug Zeit für meinen Inneren Hag bräuchte. Ein bisschen aber doch.)

Jetzt wird es nötigerweis – notdurftweis – ein wenig vulgär, aber das Beispiel passt genau hierher.

Vor ein paar Tagen ging ich dorthin, wo der Biertrinker in der Kneipe halt auch mal hinmuss und gewahrte, da ich doch bislang dachte, dass vor allem jüngere weibliche Wesen von der Handykrattelsucht befallen, tatsächlich, wie ein älterer Herr (auch um die Sechzig, aber ein anderer), der ebenfalls sehr gebildet und kunstsinnig, lustig, sympathisch, ein guter Gesprächspartner, am Pisspotte, seinen Dödel mit der Linken betreuend, mit der Rechten, nicht nur Sekunden, sondern immer noch, als ich selbst mein Geschäft verrichtet hatte, auf der Tatschanzeige seines Mobiltelefons herumklimperte, versunken in die dort vorzufindenden, aufzurufenden, anzurichtenden Sachen.

Wenn einer nicht einmal mehr beim Wirtshausseichen von so einem Ding lassen kann, wenigstens beim Sicherleichtern Ruhe findet, entspannt ein wenig zu sinnieren, wie soll der je noch selber zu hohen und tiefen Gedanken finden?

In der Tat: immer mehr Information, dabei immer weniger innere Einkehr.

Wenn immer schlechter und oberflächlicher gesprochen und gedacht wird, allenthalben, so wirkt dies ein morphisches Feld, das in seiner Mächtigkeit gewaltig.

Es geht aber auch anders.

Zum Beispiel habe ich gemerkt, wie – ja, das muss nochmal freudig und zuversichtlich lobend gesagt werden! – auf dieser Seite Kommentatoren immer besser, strukturierter, stilistisch genauer und gewandter ihr Schreiben, ihren Ausdruck entwickelt haben, höchstwahrscheinlich ohne dass sie einer dafür bezahlte oder gar dazu zwang.

Solches zu sehen gibt mir Mut und Kraft.

Wissenschaft ist nämlich meine Pflicht, aber meine Kür ist die Kunst.

(Nachtrag)

Ich lasse eine Ausnahme potentiell gelten. Nämlich die Malerei. Da gibt es schon noch hervorragende Leute. Weshalb sich ausgerechnet diese Kunstform vergleichsweise gut behauptet haben könnte? Ich habe es noch nicht raus, aber es möchte sehr wohl mit jenem Inneren Hag zu tun haben, den die Maler sich mit ihrer Art zu denken, dem Denken in Bildern, besser als die anderen zu bewahren wussten. Schließlich haben wir gesellschaftlich ja ganz allgemein eine extreme Optiklastigkeit entwickelt, so dass dem affine Naturen von der technotronischen Nachpostmoderne vielleicht nicht so leicht untergespült wurden.

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