Religion und kleine statt der großen Sachen

Sohn hat sich fünf Euro verdient.

Um ihn zum quasi freiwilligen Denken anzuregen und da ich gut gelaunt war, hatte ich diese Prämie ausgesetzt, wofern er es binnen einer halben Stunde schaffen werde, drei gute grundsätzliche Fragen wohlformuliert zu stellen.

Milde, wie ich als Vater nunmal praktisch immer bin, verkürzte ich die Anforderung im Laufe der Sache (er hatte beliebig viele Versuche) auf zwei Fragen und half schließlich diskret nach, da ich merkte, dass er die Frage (die zweite) durchaus gefunden, nur noch etwas unbeholfen ausdrückte, und erkannte ihm schließlich Sieg und Preis zu.

Kurzum, er landete bei zwei Fragen, dererhalber mir natürlich klar war, dass er sie dem Papa im Laufe der Zeit irgendwie sozusagen abgelauscht haben könnte bzw. von denen er mit Recht vermuten durfte, dass ich sie gelten lassen werde. Das aber gehört zur Intelligenzleistung mit dazu. Wer weiß und darlegt, was der Lehrer höchstwahrscheinlich hören will (egal, ob es Unfug ist, oder nicht), bekommt seine Eins verdientermaßen (allerdings nur bis zu einer gewissen Alters- wie Niveaustufe).

“Warum meinen die Menschen eigentlich, dass sie eine Religion bräuchten?”

“Wieso regen sich so viele über Kleinigkeiten auf wie verrückt, plärren mordsmäßig ‘rum, während sie gegen die großen Sachen, die sie übelst betreffen, nichts unternehmen und nichtmal was sagen?”

Nun zu den versuchsweisen Antworten auf die beiden Preisfragen. (Wir hatten dann zunächst anderes zu tun; Sohn wird sie noch mündlich erhalten oder einfach ausnahmsweise mal das lesen, was sein Alter verbrochen hat.)

Religion brauchen die, die für gelebte Philosophie zu schwach sind. Religion gründet im Glauben, Philosophie hingegen im Wissen und in ständig neuer Erfahrung. Religion gibt Festigkeit, Statik, ist ein Anker: während die Philosophie (wofern sie nicht eine verkappte Religion ist, was nicht selten vorkommt) einem zwar ab und an mal einen Hafen gewährt, einen aber eben auch immer wieder hinaus in alte wie neue fährliche Meere und Wetter treibt.

Die Antwort auf die zweite Frage ist noch einfacher: Feigheit, Verdrängung, Übersprungshandlung.

Beinahe hätte ich schon wieder mit einem Amen geschlossen, aber da ich das erst vor einigen Tagen tat, auch ein “sapienti sat” hier zu abgedroschen wäre, ende ich jetzt mit einem: Man widerspreche!

(Nachtrag: nach Freischaltung von Lesezeichens erstem Kommentar, aber gerade schon im Kopfe.)

Wäre man ein bisschen direkt, was ich bekanntlich nie bin, so ließe sich selbstverständlich auch die logische Konjektur zwischen beiden Fragen finden.

Dahingehend, dass Religion dazu da sei, Leute zum Sichaufregen über die kleinen statt der großen Sachen zu bringen, also über ein paar Karikaturen, sonstwelche Petitessen, damit sie ansonsten Ruhe geben und sich brav weiterverschafen lassen.

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7 Antworten zu “Religion und kleine statt der großen Sachen”

  1. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    Na, da kannst du aber glücklich sein, dass der Sohn die gewünschte Antwort gegeben hat und wohlfeil von gelungener Erziehung sprechen.

    Das mit den gefährlichen Wettern der Philosophie ist so eine Sache. Aktuell kenne ich nur einen Philosophen, der sich so nennt und der tingelt gegen gutes Honorar duch die Talkshows und schreibt Bücher, die gegen bare Münze verkauft werden.

    Auch die namhaften Philosophen der Vergangenheit saßen alle vor vollen Tellern, stammten aus gutem Hause und hatten teure privat bezahlte Bildung genossen, stammten aus der Oberklasse. Da lese ich nichts von gefährlichen privaten Stürmen und hoher See des Lebens. Ich würde es eher als Trockenschwimmen bezeichnen.

    Gleichzeitig lese ich aber von religiös verfolgten, von Menschen, die aufgrund ihres Glaubens an ihren Gott täglicher Lebensgefahr ausgesetzt sind. Was ich persönlich übrigens furchtbar finde und niemals auch nur ansatzweise vertreten würde. Das ist weder in Gottes Sinn noch in seinem Auftrag.

    Nein, da lobe ich mir doch unseren alten ak Pfarrer, der mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nahm, dass sein 17-jähriger von nun an Atheist sein wollte. Er nahm’s gelassen und war fest davon überzeugt, dass sein Sohn seinen Weg schon finden werde.

    Herzlichst

    das Lesezeichen

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Mein Augenzwinkern, Tastenzwinkern bezüglich der Fragen meines Sohnes hast Du sicherlich bemerkt.

    Leute wegen ihrer Religion per se zu verfolgen ist für mich im Wortsinne abartig. Religion gehört offensichtlich, auch wenn mancher das verwerflich finden mag (Marxisten), zumindest bislang, zu unserer Art.

    Nochmal, wie neulich schon, von den Philosophen vor ihren vollen Tellern.

    Ich musste glücklicherweise nie wirklich hungern. Und ich hatte einen vollen Teller auch in dem Sinne, dass meine beiden Eltern sehr gebildete und bildungsbewusste Menschen waren (Mama lebt noch) und mich eifrig ihres Wissens teilhaftig werden ließen. Zwei große Privilegien, keine Frage.

    Oberklasse aber waren wir nie. Am Anfang ging es sehr knapp zu. Socken wurden gestopft, die Hosen orgelpfeifenweis abgetragen, alles wurde geflickt, Mama nähte, was nur ging, selber.

    Und was die gefährlichen privaten Stürme und die hohe See des Lebens anlangt, so weißt Du auch, dass solcherlei eher schwülstig-unkonkreten Ausdrücke mich, wofern ich nur das Maul dazu aufbekommen hätte, schon mit acht oder neun Jahren allenfalls zu einem zynischen Lachen gebracht hätten.

    Späterhin habe ich, mit kleinen Kindern, deren Mutter, meine geliebte Ehefrau, früh verloren.

    Bei mir also gilt Dein Bild leidloser blasierter Vorsichhindenker, wofern ich unter die Philosophen zu rechnen wäre, nicht: allenfalls äußerst eingeschränkt.

    Mein Respekt aber für jenen Theologen, der die atheistische Tendenz seines Sohnes mit einem Lächeln quittiert. Ich gehe hier mal davon aus, dass es ehrlich war. Dann hat der Mann tatsächlich etwas verstanden.

    LG

  3. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    der Mann – also unser Pfarrer – hat 5 Kinder. Bei den Altkatholiken geht so etwas :)). Es ist absolut wohltuend, sich mit ihm zu unterhalten.

    Zum Weiterverschafen durch Religion.

    Meine Oma hatte neun Geschwister und eine sehr kranke Mutter. Als Älteste wurde sie bereits mit 10 Jahren vor den familiären Karren gespannt und hat ihre Geschwister mehr oder weniger allein großgezogen. Geholfen hat ihr dabei kein Philosoph sondern allein der Glaube an Gott und damit die Sicherheit, das richtige zu tun, u. a. sich mit Naturmedizin zu befassen und mit ihrer Fähigkeit, aus quasi nichts noch ein Essen zuzubereiten..Aus allen Geschwistern ist etwas geworden – sie wuchsen kerngesund auf und wurden auch alle über neunzig.

    Nach ihrer Volksschule hat sie dann zunächst noch zusätzlich in einem Haushalt gearbeitet und dann in einer Fabrik, denn Geld musste auch noch irgendwie reinkommen. Später hat sie dann noch drei eigene Kinder bekommen und auch aus denen wurde etwas gescheites – unter anderem mein äußerst kluger Vater. Sie hat zwei Kriege erlebt, einen als sie sehr jung war und einen zweiten, als sie selber schon Familie hatte.

    Das sind Stürme des Lebens. Da war dann nirgendwo ein Philosoph, aber ihr fester Glaube an Gott, der ihr das unerschütterliche Bewusstsein gab, das Richtige zu tun, der war da.

    Wenn ich dann lese, dass Religion für die da sein soll, die für gelebte Philosophie zu schwach sein sollen, dann möchte ich mal all die Philosophen sehen, wie sie eine solche Lebensaufgabe life und in Farbe lösen.

    Nichts für ungut :))

    Herzlichst

    das Lesezeichen

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Anscheinend werde ich gerade nachtragend.

    Denn mir fiel ein (das bzw. die Zitate dazu habe ich jetzt nicht parat), dass Goethe, jener höchstbegabte, moralisch aber äußerst missratene Freimaurer, Illuminat, Sonstnochwas, wenn es sein musste, auch noch ein bisschen Christ, die christliche Religion als für gerade gut genug für die dummen Leute, das Volk, ansah.

    Ich aber sehe es, denn dem bin ich im Geiste nicht Bruder noch sonst verwandt, als mehr als schlecht genug für die Leute an.

    Du bist nicht die Leute, das ist zweifelsfrei erwiesen. So mag es für Dich auch gut sein.

    Wir hatten kürzlich die Sache zur Christlichen Symbolik, der verwerflichen. Davon weiche ich dessenthalben keinen Millimeter ab. Denn ich meine, ein bisschen was davon zu wissen, wie Menschen, zumal Kinder, lernen, sich Bilder einprägen.

    Falsches, Schlechtes wird nicht gut, indem man schöne Worte drumrumflicht. Das hat Goethe in seinem Wilhelm Meister versucht, und herausgekommen ist dabei eine im Grunde genommen nur peinliche Rechtfertigung für die esoterisch-okkulte Gefangennahme edler Menschenseelen zu deren vorgeblichem eigenen Vorteil, deren Verstandes- und Herzensbildung.

    Ich will nicht schon wieder “Kotz!” sagen, denn das macht man normalerweise eh nicht, und außerdem nutzt sich auch dies Kraftwort ab.

    Wie schon gesagt, predigtest Du, so ginge ich regelmäßig, auch wenn nicht eins mit allen Aussagen, in die Kirche. (Ohne Scherz, ohne Spott, ganz ernsthaft.)

    Kostenlos ein guter Vortrag über die verborgensten Dinge, in einer wunderschönen gotischen Kathedrale, die jedem Steinmetzen das Herz schon durch ihr erhabenes Vorhandensein erzittern lässt, dann noch eine Bach-Kantate mit Orgel: Was sollte der geistig interessierte, empfindsame Schwabe mehr noch wollen?

    Na gut, vielleicht doch noch eins: dass er selber dort mal sprechen dürfe, also gottlos wie frei, dann aus dem Orgelbüchlein gespielt werde, hiemit auch der Philosophie, wofern er es gut hinbrächte, korrekterweis endlich immerhin gleichberechtigt eine derartige Hohe Halle zur Verfügung stünde.

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Unsere letzten beiden Kommentare haben sich überschnitten, so dass mein Antigoetheaneum ohne Kenntnis des Deinigen zuerst erschien.

    Ich wiederhole mich aber gerne dahingehend, dass ich in die Kirche gehen werde, wenn Du dort predigst.

    Die Geschichte Deiner Oma ist sehr ergreifend, und ich glaube Dir jedes Wort.

    Und will zunächst dazu nur noch sagen, dass auch Ungläubige schon wundersam tapfer durchgehalten und vieles Arge, schier übermenschlich erscheinend, unermüdlich noch zum Guten gewendet haben.

    Wahrscheinlich hatten die, in schlimmsten Verhältnissen, auch wenn kein Kant oder Schopenhauer in der Nähe war, in und aus sich eine Philosophie, die dazu taugte.

  6. Eric sagt:

    Zur Frage Deines Sohnes….

    Religion – institutionelle Religonen sind ein Schlafmittel, wie schon Marx bemerkt hat und ich stimme auch Goethe zu, nur dass ich nicht “dumm” dazu sagen würde, sondern unbewusst. Der Glauben, den die abrahamitischen Religionen vermitteln, ist eher ein Todeskult, voller Leiden, Mühsal und Opfer – natürich nur für die Schäfchen – die eventuell im “Jenseits” belohnt werden – eine geniale Idee, denn so müssen die Kirchen nie einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Aussagen antreten.

    Diese “Religionen” führen nicht an die Wurzel des Seins, was nur durch Selbsterkenntnis möglich ist. Die Gläubigen folgen einfach den Worten ihrer “Hirten” und haben es aufgegeben, selber zu denken. Würden sie dies tun, müssten sie als erstes ihren (implantierten) Glauben aufgeben. Kein Wunder, dass die Gläubigen als Schäfchen betitelt werden.

    Es fällt mir zunehmend schwer, Gläubige ernst zu nehmen. Als Mensch haben sie natürlich meinen Respekt, aber als Gläubige….

    Ein Artikel zu dem “Gratismut” unseres Pfaffenpräsidenten: http://hinter-den-schlagzeilen.de/2012/06/22/wenn-sie-uns-vorsterben-wollten/

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Eric

    Danke für den Link!

    Ich habe mir den ausgezeichneten Artikel grade zu Gemüte geführt und dort auch schon einen kurzen Kommentar dazu geschrieben, der noch auf Freischaltung wartet.

    Voraussichtlich werde ich, auf diesen Text extra verweisend, einen Hauptbeitrag dazu bringen.

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