Nachhilfe dem Nachhelfer

Vor ein paar Tagen gestand ich einem jungen Musiker (30, Bassist, Schlagzeuger usw.), den ich grade in tiefer Nacht spontan kennengelernt hatte, ein, dass ich eigentlich so gerne singen könnte, ansonsten lediglich mal auf ein paar Bongos oder Kongas eingedroschen hätte.

Keine Angst, geneigte Leser: Ich werde hier sicherlich nicht so schnell ein endabgestürztes Video mit meinem Geplärre einstellen. (Oder, grade zum Possen, etwa doch?)

Er meinte ganz freundlich (wir umarmten uns zum Abschiede schließlich also herzlich wie unschwul), mich schlicht und direkt stellend, dann solle ich es doch einfach mal versuchen.

Peinlich für den altgedienten Nachhilfelehrer, der sein Vater sein könnte, wofern er sich mit den Frauen etwas mehr beeilt hätte, dass er mir genau das sagte, was ich wahrscheinlich jedem anderen gesagt hätte, in einem solchen Falle, außer eben mir selbst. (Ich sagte es mir schon auch einmal oder zweimal, hörte mich aber anscheinend nicht richtig.)

So werde ich es wohl unterfangen, wenigstens um herauszubekommen, dass ich’s nicht kann, die Seel’ jedoch immerhin dadurch endlich ihre Ruh hat, indem ich mein Gekrächze zu solcherlei Erlösung bis zum letzten Finitum ertragen. (Am besten vor jeder Probe so viele Zigaretten rauchen, dass eine gute Ausrede parat.)

Was damit ganz primitiv gesagt sein will: Man sollte keine Phantome derlei Art mit sich herumtragen und diese gar noch innerlich kultivieren.

Wenn man’s dann nicht recht kann, das verlässlich merkt, ist auch das “ich würde gerne”, die Möchtegernerei, verlässlich erledigt.

Oder, wenn man dann andererseits feststellt, dass es immerhin besser wird, Freude bereitet, vielleicht sogar dergestalt, dass es auch mal andere überleben, ohne sich innerlich die Ohren zuhalten zu müssen, so ist doch ein neuer Raum gewonnen: und wenn man, wie allenfalls zu erwarten, es nur bis zu den Fünftschlechtesten schafft, mag das auch nicht zwangsläufig verkehrt sein.

Zumal zu bedenken ist, dass, was dieses Gewerk anlangt (im übrigen gibt es auch Friedensnobelpreise für Kriegstreiber und solche für Literatur für mittelmäßige Schreiberlinge), ein Herbert Grönemeyer auch nicht richtig singen kann, sein Publikum aber damit begeistert, ein Bob Dylan so graus vor sich hinseiert, dass ich selber es zwar wirklich nicht an meine drei kleinsten und empfindlichsten Knöchelein dringen lassen will, er aber darüber eine Legende ward.

Nun hätte ich natürlich den Vorteil, dass, wofern mir Melodien spendiert oder schon alt genug, die GEMA mich nicht gleich erschießen zu lassen die Bestellung aufgeben könnte, sobald ich mich vor mehr als drei Leuten lächerlich zu machen trachte, mir sicherlich eigene Texte einfielen, gegen die sie ihre Kopfgeldjäger ebenfalls arbeitslos halten müsste: und da ich ja immerhin ein bisschen was von Prosodie verstehe, könnten letztere wenigstens silben- und rhythmusweis zur jeweiligen ersteren passend gemacht werden.

Gut, ich gebe es zu, manchmal sänge ich auch einfach ganz gerne, um bestimmte Leute noch in anderer Weise zu ärgern, als jener, die ich schon ganz passabel beherrsche.

Denn Liebeslieder wären wohl eher nicht meins. (“Oh, wenn die Sehnsucht brennt, keiner Milde noch Gnad’ auch nur kennt…)

Sonstige Schnulzen allenfalls bösfotzigst satirisch vorgetragen.

Bissig-zwerche Grotesken über geistige und pekuniäre Restrepubliken könnte ich mir da schon problemloser vorstellen.

Nachpostmoderne Ranzballaden und vollverblödete Bänkelsängereien.

Philosophastische Bühnenkracher.

Krummstes vom Schrägen.

Neues aus Absurdistan bis nach Zerschafshausen.

Wenigstens in solcherlei Arten Lyrik bin ich bereits recht bewandert.

Vielleicht wären gar jeweilige Texte geeignet, bei entsprechend irrwitziger Interpretation, das auditorische Feingefühl so manchen arglos verirrten Erdenbürgers gnadenlos zu überwallen.

Schaunmermal, sagte Franz, der Kaiser.

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