ADHS: Christoph Türcke müht sich in der FAZ

Hier will ich ein hoch interessantes Interview auf faz.net zum Thema ADHS und Gesellschaft ausdrücklich zur Lektüre empfehlen.

Natürlich nicht, ohne es ein wenig kritisch zu begleiten.

Der Befragte – Christoph Türcke (er hat ein Buch mit dem Titel “Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur” dazu verfasst) – führt zunächst sehr klug aus, wie und warum unsere Gesellschaft weitgehend von einer Aufmerksamkeits-, einer veritablen Kognitionsstörung befallen und teils gar zerfressen ist.

Schließlich aber kommt er zu einem Lösungs- bzw. Besserungsansatz, der sich zunächst gut anhört, dann aber (entweder hat die geschätzte FAZ-Journalistin Christiane Hoffmann das nicht gemerkt, oder übergangen) in ein äußerst bedenkliches Fahrwasser mündet.

Denn Türcke schlägt vor, an Schulen ein Fach namens “Ritualkunde” einzuführen, auf dass Kinder sich wieder ernsthaft zu sammeln lernten, anstatt nur zwischen hektisch wechselnden Bildschirmschnipseln geistig zu verrotten; kein grundschlechter Gedanke, doch liegt die Tücke in der Wirklichkeit dieser Welt.

Also nun das notwendige Zitat (die allweit gefürchtete, stets aufmerksame Rechtsabteilung der FAZ sei mir gnädig: Es wird nur eine der zahlreichen Antwortpassagen umfassen).

“In der weiterführenden Schule sollte auf der Basis dieser Aufführungspraxis (die Türcke zuvor sinnigerweise für die Grundschule befürwortet; Anm. von mir) ein eigenes Unterrichtsfach Ritualkunde eingeführt werden, das Religion und Sozialkunde vereint, auch was die Stundenzahl betrifft. Soziale Strukturen sind ja nichts anderes als abgelagerte Rituale. Die Reichweite des Rituellen für die gesamte Gesellschaft bewusst zu machen – darum ginge es. Nicht konfessionell, aber mit viel Sinn für die Bedeutung von Religion. Damit hätte man in der Schule ein Forum für die Konflikte, die durch die multikulturelle Gemengelage entstehen, durch all die Kulturen und Subkulturen, die in der Schule aufeinandertreffen. Bekennen lernen wäre ein wichtiger Punkt. Wie bekenne ich mich zu dem, was mir wichtig, was mir heilig ist, ohne den anderen dabei zu verletzen? Das alles könnte im Fach Ritualkunde bearbeitet werden. Es hätte also individuell und sozial beruhigenden Charakter.”

Also nicht konfessionell, aber mit viel Sinn für die Bedeutung von Religion. Und Bekennen lernen wäre ein wichtiger Punkt. Zu dem, was einem heilig ist, aber ohne den anderen zu verletzen.

Was ist dann, wenn dem einen, ich sage es jetzt einfach ganz hart und verkürzt, die Beschneidung heilig ist, dem anderen aber die Unversehrtheit seines Zipfels?

Und: Man soll, jeder soll, in der Schule BEKENNEN?

Da hat einer – oder bedarf es hier, wo man lesen kann, noch weiterer Beispiele, ähnlich des naheliegenden obigen? – entweder nicht genauer nachgedacht, oder aber ein Programm vorgeschlagen, das in der Praxis fast zwangsläufig zu einer übelen Form der – wenigstens versuchten – Gehirnwäsche führte.

Eine solche halte ich nun als Remedium wider ADHS für denkbar ungeeignet, nein, schlimmer noch, für eine systematische, noch kränkermachende, geradezu dafür perfekt ausgesuchte ergänzende Endverschärfung.

Mit Schule kenne ich mich ein bisschen aus. Nicht nur, weil ich so manche besuchte, sondern weil ich 15 Jahre Nachhilfeerfahrung quer durch alle Schularten habe, und obendrein auch noch drei Kinder großgezogen.

Neinnein, Herr Türcke, das würde ein zwangsmultikultureller, erst recht seelenraubender (außer wohl gegenüber den bekanntlich schnell beleidigten – “in ihren religiösen Gefühlen verletzten” – sublimen Muslimen, denen totale Rücksicht entgegenzubringen selbstverständlich ein Muss) Granatenschiet.

So nicht!

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7 Antworten zu “ADHS: Christoph Türcke müht sich in der FAZ”

  1. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    ich habe diesen Artikel auch gelesen und halte ihn für Unfug.

    Nicht nur das.

    Zunächst habe ich mich gefragt, was das wohl für ein Hobbyphilosoph ist, der da einen solchen Unsinn zurechtzimmert. Ich stehe zu meiner offensichtlichen Bildungslücke. Ich kannte Herrn Türcke nicht. Ich habe ihn also ganz hochmodern gegooglet und herausgefunden, dass er kein Hobbyphilosoph sondern Profi-Philosoph ist, was es nicht unbedingt besser macht.

    Viel besser hat dieses Thema und Phänomen der Dauer-Alarmbereitschaft (emails checken….) übrigens Schirrmacher in seinem Buch Payback beschrieben, das ich wirklich nur als lesenswert empfehlen kann. Er geht damit nicht nur darauf ein, dass früher auch nicht die Welt unterging, Börsen gecrasht sind oder der Wirtschaftsklimaindex ins Bodenlose sank, wenn man ohne Handy und Pager die Toilette aufsuchte. Er geht auch auf die wachsende Unfähigkeit ein, z.B. Statistiken zu lesen, generell mit Zahlen umzugehen und vor allem auf die wachsende Computergläubigkeit. Es muss schließlich stimmen, was die Maschine als Ergebnis auswirft, denn schließlich ist sie eine Maschine ohne Rechenfehler.

    Es endet in der Frage, wieso man Rechtschreibung überhaupt lernen sollte, wenn doch Word X.Y eine Fehlerkorrektur hat? Wieso Kopfrechnen, wenn es den Taschenrechner und Excel X.Y gibt?

    Die Sucht, dauernd emails checken zu müssen oder neue Infos abzufragen, hat eher etwas mit unserem menschlichen Geltungsbedürfnis zu tun, als mit ADHS, denn wenn dauernd neue Nachrichten hereingeschwebt kommen, Textmessages oder Anrufe, dann ist man schließlich wichtig – und wer möchte gern unwichtig sein.

    Ich persönlich halte es da mit Thom Hartmann’s different perception. Es gibt eben zweierlei Sorten Menschen – die Jäger und die Farmer. Unsere Welt wird zunehmend von Farmern regiert, was dadurch gelingt, indem man die Jäger als “krank” stigmatisiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jäger Lehrer wird, liegt bei nahezu Null und dadurch dass nahezu 100 Prozent der Lehrer Farmer sind, werden die Jäger verbannt und damit auch diejenigen, die die Gesellschaft zu neuen Ufern bringen können. Projekte wie die Hunter-School werden teure Einzelprojekte bleiben und da wir unseren Kindern kein Paralleluniversum bieten können, müssen sie sich in dieser Welt zurechtfinden.

    Sehr vereinfacht, aber insgesamt eine schlüssige Erklärung und wesentlich besser, als die vom Hobby-Diagnostiker Türcke.

    Herzlichst

    das Lesezeichen

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Interessanter Ansatz, mit den “Jägern” und den “Farmern”.

    Und – wie in den Stall bestellt – will dieser Türcke selbstverständlich auch wieder eine staatlich verordnete, absurde Wohlfühllösung. Das tut seinem Ansehen und seinem Beutel sicher nicht schlecht.

    Immerhin bringt er ein paar nicht zu verachtende Thesen. Die zwar nicht neu, aber es ist gut, dass sich das Diskussionsrad dreht.

    Man beginnt sich so langsam wieder dafür zu interessieren, was den ganzen Menschen und dessen Verstand, Empathie, Liebesfähigkeit, Erfüllung ausmacht.

    Ist dabei sogar schon auf die nobelpreisverdächtige Idee gekommen, dass es womöglich nicht sein neuestes Handy sei.

    Herzlichst

    Magnus

  3. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    du glaubst gar nicht, wie leid man es mit der Zeit wird, von immer neuen Wohlfühllösungen zugeworfen zu werden. Noch ne Therapie, noch ein neuer Lernen-lernen Kurs, noch eine Sammel- und Konzentrierübung, noch ein Elternkurs. In der FAZ ist auch einer, der bei jedem dieser Themen sofort wieder alle Mütter zur Schulung schicken will, weil das sonst nie etwas mit den Kindern werden kann. Egal ob es passt oder nicht, er schreibt wieder von neuen Elternkursen…

    Praktischerweise schreibt er auch noch unter dem Nick “BeziehungsDoc”.

    “Komm, wir gehen angeln”, sprach der Fischer zum Wurm.

    Ja, die Marktlückenfinder.

    Wenn der Gesellschaft wirklich etwas am “ganzen Menschen”, an Empathie, Bindungs- und Liebesfähigkeit liegen würde, dann würde sie die ersten Jahre des Menschen anders gestalten, als gerade propagiert. Man würde alles dafür tun, dass Eltern und Kinder eine Schutzzone haben, anstatt sie immer weiter auszunehmen und wie mit einem Wasserwerfer vor sich herzupeitschen.

    Aber das ist ein anderes Thema.

    das Lesezeichen

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    “Man würde alles dafür tun, dass Eltern und Kinder eine Schutzzone haben, anstatt sie immer weiter auszunehmen und wie mit einem Wasserwerfer vor sich herzupeitschen.”

    Mir vollkommen aus der Seele gesprochen!

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Die Kinderverstaatlicher ab dem Krabbelalter arbeiten selbstverständlich mit allen, die zuerst von den verordneten – oder aufgeschwatzten – bezahlten Leistungen leben und später von den Nöten der systematisch Gestörten, bestens zusammen.

    Wer sich, wie Eva Herman, dagegen wendet, wird plattgemacht.

    Ob Türcke einer der wirklich schlimmen Finger ist, kann ich nicht beurteilen, denn ich weiß ansonsten zuwenig über sein Wirken.

    Vielleicht hat er sich ja auch bloß wieder was im Hirn zusammengewaft, von dem er hoffen durfte, dass es zum Zeitgeist passt, seine Popularität mehren werde, seine Buchverkäufe steigern, und gar nicht richtig darüber nachgedacht, was er da fordert.

    “Bekennen lernen” als Schulfach: aber das dann bitte politisch korrekt. Das ist nichts anderes als Erziehung zur ritualisierten und je nach diesbezüglicher Leistung benoteten Lüge.

    Entweder kennt der Mann die Realität an deutschen Schulen nicht, oder er ist ein Traumtänzer, oder…

  6. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    cui bono?

    Für mich sind das alles Marktlückensucher. Da taucht so ein “Profiphilosoph” quasi aus dem Nichts auf und hat auch gleich seinen Bauchladen mit neuen Kursen für (Über)Lebenstechniken dabei. So ein Zufall aber auch. Was soll man dazu sagen?

    Ebenso dieser BeziehungsDoc aus der FAZ, der auch immer gleich die Mütter in passende Kurse schicken will. Dabei lohnt doch ein Blick auf die letzten 50 Jahre um festzustellen, dass kein Kurs, der in diesem Zeitabschnitt gehalten worden wäre, einem anderen geglichen hätte. Und alle Kursdoktoren hätten Eide darauf geschworen, dass Erziehung ohne diesen Kurs nichts wird, nichts werden kann.

    In den 68-ern hätten wahrscheinlich alle Kurse gemeinsames Spaghettiwerfen beinhaltet und den Eltern hätte man empfohlen, ihre Kinder ruhig beim elterlichen Sex zusehen, oder bei der Geburt eines Geschwisterchens dabei sein zu lassen. Alles geschehen.

    20 Jahre später wäre die große Debatten- und Demokratierunde ausgebrochen. Alles würde bis ins Kleinste ausdiskutiert, angefangen damit ob man morgens lieber die grüne oder die rosa Zahnbürste hätte nehmen wollen oder ob das Kind es heute vorzieht, im Schlafanzug oder ganz ohne Kleidung in den Kindergarten zu gehen.

    Heute wollen manche lieber wieder Grenzen setzen, andere doch lieber nicht. Bueb und Winterhoff bevorzugen das eine, sprechen von Eindeutigkeit und Autorität. Andere Paradiesvögel erfinden Fun and Care Kindergärten, in denen Jungs in Prinzessinnenkleider und Nagellack herumlaufen und die Mädchen den Handwerkskasten tragen. So unterschiedlich können Autorität und Identitätsfindung definiert werden. Trotzdem vermisst man männliche Vorbilder!?!

    Wofür? Für den Nagellackentferner?

    Von den Schulbüchern, die nun gendergerecht umgeschrieben werden sollen, schrieb ich ja schon einmal.

    Kurzum, es hat nie eine richtige Richtung gegeben und sämtliche Kurserfinder tun das zum eigenen Wohl. Irgendwie muss die eigene Kasse doch schließlich voll werden. Nun ist es das ADHS.

    Was man allerdings nie wirklich unterstützt hat, ist das wirkliche Kennenlernen zwischen Eltern und Kind, die 100prozentige Einstellung aufs Kind in den ersten Monaten und Jahren und zwar unbefangen und einflusslos. Dabei ist genau das das wichtigste überhaupt, weil wir alle eben natürliche Wesen sind. Verhindert wurde damit die Ausbildung des ureigenen Instinktes, der in jedem schlummert, aber erst einmal geweckt und geschärft werden muss.

    Aber wenn man das zulässt, gibt man Macht aus der Hand und riskiert, dass es die Eltern tatsächlich besser wissen. Also stört man diesen Frieden, wo immer es geht.

    Nein, das Verhältnis der Deutschen zu Kindern wird immer unentspannter. Es gibt immer weniger davon und da stürzt sich nun eine ganze Gesellschaft darauf und pfuscht darin herum. Da wird gegängelt, diffamiert, beleidigt und massenhaft Druck ausgeübt. Was man den Eltern rechts einfach in die Tasche steckt und “Förderung” nennt, wird ihnen auf der anderen Seite doppelt und dreifach wieder herausgezogen. Die Familien verarmen und prompt tragen sie alle den Prekariatsstempel. Wie drückte sich Steinmeier aus? Das Betreuungsgeld sei eine bildungspolitische Katastrophe. Nun, berücksichtigt man, dass der Staat für ein Drittel der U3-Kinder einen Krippenplatz zur Verfügung stellen wird, dann steht dem gegenüber dass zwei Drittel der Kinder von ihren Eltern betreut wird. Wenn diese also eine kleine Unterstützung erhalten, dann ist das eine bildungspolitische Katastrophe???

    Wieso sollte man so jemanden wählen?

    Leider kommen fachkundige Vorträge und sachliche Darstellungen der IST-Situation nie an die deutsche Polit-Oberfläche.

    Lesenswert:

    Schluss mit der Familienförderung! – Prof. Dr. Anne Lenze

    http://www.deutscher-familienverband.de/index.php?id=3718

    Herzlichst

    das Lesezeichen

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