Kleine Philosophenfibel

Der Philosoph hat zweifellos – mindestens – drei Hauptaufgaben: zu sagen, was anderen gar nicht einfällt, zu sagen, was andere sich nicht trauen, und Dinge so zu sagen, wie andere das nicht können.

Damit wird er natürlich nicht nur in einer Gesellschaft, die Feldwebelinnen als das wünschenswerte Nonplusultra der Weiblichkeit hinstellt, den Hanf als des Teufels und den Islam als vernünftig, nicht überall gern gehört und gesehen sein.

Vielmehr wird er mit dem Anwurfe zu rechnen haben, dass er keine der obigen kulturellen Errungenschaften achte, jederzeit bereit, alles und jeden zu beleidigen, der sich jewo bezüglich der Höherentwicklung der Menschheit verdient gemacht habe.

Und genau deshalb, weil nichts dem Philosophen ferner liegt, als einzelne Menschen zur eigenen Seinsbefriedigung zu beleidigen, wird man ihm gerade das vorhalten, vor allem dann, wenn er allzu offenkundig mal wieder generisch recht hat.

Wer nicht bereit ist, sich dem zu stellen, soll es bleiben lassen. Denn es ist (heutzutage und hier) schlicht normal, das, was fast nicht ausbleiben kann.

Eine Menschheit, deren technische Errungenschaften längst ausreichten, praktisch allen, außer Banditen, die im Liegestuhl Milliarden zu erwirtschaften trachten, ein anständiges Auskommen zu ermöglichen, ist eben nicht so gesteuert, dass sie ihn zu mögen aufgefordert sein wird.

Er darf sich darum nicht davon irremachen lassen, wie empfindlich und oft aggressiv selbst jene auf ihn reagieren, von denen klar zu erkennen, dass sie ihn zu verachten, anzugreifen gar nicht extra angehalten oder gar bezahlt wurden.

So gut wie keiner schätzt oder gar liebt den Störer seines Scheinfriedens. (Je mehr gerade weltweit unter heuchlerischen Vorwänden abgeschlachtet wird, um desto weniger.)

Das klingt zunächst mal alles sehr trist.

Aber des Philosophen sind Freuden, die der Scheinzufriedene eben meist nicht einmal ansatzweise ermisst. Sie drücken sich nämlich seltenst – was der dann ja achten könnte – in Geld, Ehren und Weibern aus.

Wenn ihn doch einmal eine Ahnung davon beschleicht, sollte man vielmehr erst recht vorsichtig werden. Denn dann folgt der unterbewusste Neid, den er sich nochmal erst recht nicht eingestehen will. Dann wird er sehr schnell richtig wütend und ohne weiteres auch plötzlich handgreiflich.

Dann gilt es, ihm das nicht übers Maß übelzunehmen und sich ohne allzulautes Lachen zu entfernen, wenigstens das Thema zu wechseln oder sich diskret wegzusetzen.

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2 Antworten zu “Kleine Philosophenfibel”

  1. Dude sagt:

    Du sprichst mir damit aus dem Herzen!
    (Obwohl ich persönlich die letzten beiden Abschnitte weggelassen hätte, doch verstehe ich schon, weshalb sie da stehen.)

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ja, die letzten beiden Abschnitte hätte ich im Prinzip weglassen können.

    Doch müssen nicht alle meine deftigst übleren Erfahrungen, die teils bis dahin führten, wovon ich vor einem gewissen Alter öffentlich recht wahrscheinlich eher nicht reden werde, unbedingt auch noch selber machen.

    Vielleicht horcht ja mal ausnahmsweise, wenigstens in diesem vitalen Zusammenhange, ganz zu seinem Guten, der eine oder andere hin.

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