Ausgewogenheit? (III)

Jetzt habe ich ein paar Stunden im Stupor verbracht und bin wieder ganz brav und ausgewogen.

Das heißt, ich werde die CDU weiterhin nicht wählen, weil das gemein gegen die Grünen wäre und umgekehrt.

Ich werde heute auch mein Bierglas nicht spülen, wegen der armen Umwelt.

Und wenn mich ein Bandit ausrauben will, werde ich ihm freundlichst erklären, dass er sich doch keinen solchenen Stress machen möge und ihn zu meiner Bank begleiten, um für ihn einen Kontokorrent zu beantragen.

Ich habe sogar erwogen, mal ins Puff zu gehen, damit die Huren in der Altstadt nicht darben müssen. Das habe ich dann aber verworfen, weil ich ja die vielen, für die meine Lenden nicht hinreichend, übelst diskriminierte.

Stattdessen werde ich ein Kerzelein für all die armen verfolgten Pädos anzünden, denn die haben ja wirklich, außer bei den Grünen und der Kirche, fast gar keine Lobby.

Außerdem werde ich ein paar Nazis jagen, denn das ist immer gut für die Ausgewogenheit. Das kann man jederzeit sogar dort machen, wo es weit und breit keine gibt.

Ich erwog auch, zum Islam zu konvertieren, was ja immerhin, da der Bandit schon mein Geld hat, nichts kostet, aber das wäre fies gegenüber den Juden.

Dafür verhaue ich heute aber meine beiden Söhne, nicht wie sonst, täglich nur einen, damit keiner von beiden benachteiligt ist.

Und natürlich rauche ich ab jetzt meine Zigaretten von beiden Seiten und der Mitte her, damit der arme Tabak nicht so lange brennen muss.

Und ich werde auch ins Kloster gehen, sobald meine Buben erwachsen sind, denn da war ich noch nie.

Das Wort “aber” habe ich mir bereits verboten, weil es unnötig Gegensätze aufbaut und zementiert. Ebenso wie “obwohl” und dergleichen.

Und wenn mir die Butter ranzig (so ein gemeines Wort!) wird oder die Milch sauer, werde ich sie wundersam reif heißen.

Vor allem aber – äh – vor allem muss ich – äh – darf ich jetzt an Gott – äh – an alle Götter glauben. Denn gegen die bin ich doch arg garstig gewesen.

Sobald ich das geschafft habe, werde ich mir dann aber einen Rückfall in die Unausgewogenheit erlauben müssen, damit die sich auch nicht beklagen kann.

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