Dem Nachwuchse (II)

Einen Mozart oder einen Capablanca der Literatur hat es meines Wissens nie gegeben. Also einen, der in diesem Fach als Sechsjähriger schon weit oben spielte.

Dies hat einen einfachen Grund (man könnte auch sagen tausende), der, da oft nicht bedacht, so selbstverständlich er auch sein sollte, hier einleitend Erwähnung finden muss (auch weil man Euch diesbezüglich viel Mist erzählen wird, sobald Ihr unmissverständlich zeigt, dass Ihr Bedeutendes zu erzählen wisst).

Denn überragende Begabung, ein geradezu selbstverständliches Gefühl, das sich nur noch Bahn brechen muss, gibt es, im harten Gegensatze zur Tonsetzer- und Schachkunst, in der Schreibkunst nicht dahingehend, dass sie schon für Höheres genügte.

Sondern bedürft Ihr des – wie meine verehrte Professorin Reiss es zu nennen pflegte, die hier jetzt mal angemessen gewürdigt sei – “Weltwissens”.

Das heißt, dass Euch gar nichts egal sein kann. Egal gibt es nämlich für den Schriftsteller nicht. Physik, Geographie, bildliche und musikalische Ästhetik, alles Kulturelle, einfach alles, was der Mensch je ersann oder erkannte, muss Euch interessant und Grundlage sein. Sonst wird es nie was.

Und natürlich müsst Ihr den Menschen selbst beobachten. Über die Verwendung kleinster Partikeln in bestimmten Zusammenhängen nachdenken. Nichts darf Euch gleich sein.

Jeder Stein ist mindestens dreimal umzudrehen. Jeder Sinnspruch immer wieder und nochmal zu bedenken. Semantik fällt nicht vom Himmel.

Denkt, denkt, denkt. Denkt über Polyeder nach, über die Tiefsee, über sibirische Kälten und Weiten, über Redewendungen, über Symbolik aller Art, die Beschaffenheit des Steins wie des Wassers.

Liebe allein macht es nicht. Sie ist zwar Grundlage alles wahrhaft Schöpferischen, aber eben keine schöpferische Kraft einfach aus sich selbst.

Die Spaltaxt ist Euch ebenso notwendiges Werkzeug, wie die lexikalische Mikrometerschraube. Nichts ist zu groß, nichts zu gering.

Und lasst Euch nicht irremachen von jenen unwissenden – oft auch neidischen – Toren, die Euer Werk als glücklichen Zufall verleumden. Denn des Zufalls mögen jene sein: Ihr seid es nicht.

Seid Ihr nicht bereit, Jahrtausende auf Eure Schultern zu nehmen, so lasst es. Ihr müsst mehr tragen können, als der Rest.

Ihr werdet erst dann selbst aus einem Nichts etwas zu erzeugen vermögen, wenn Ihr über das Was? der anderen weit hinaus seid.

Glaubt nicht, dass je etwas “von selbst” gehen könne, so wie der Rest “von selbst” versteht.

Euer “von selbst” kann sich nur entlang der Betrachtung aller Dinge aufbilden.

Und: Gott mag sonst alles geschaffen haben. Für einen guten Schriftsteller aber fehlte es ihm um nicht bezifferbare Größenordnungen an Kraft.

Der nämlich kann sich nur selber erschaffen.

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4 Antworten zu “Dem Nachwuchse (II)”

  1. Dude sagt:

    Ich verstehe nicht, wie Du – einige läppische Stündchen, oder noch weniger gar, auseinander – hier, solch, in himmlische Höhen hebende, heilige Anleitungen darbieten kannst, die dem willentlich Lernenden wie reinster Honig im Munde bekommen, wenn Du fast gleichzeitig, im andern Strange (siehe mein Gepolter da) solch hohlen Dünnpfiff von Dir gibst.

    Heute ist der Tag der grossen Rätsel. Sie bedürfen Lüftung.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Sortiere Dich mal.

  3. Dude sagt:

    Ich bin bestens sortiert.

  4. TanjaKrienen sagt:

    Gefühle und “Zustände” mag ein sehr begabstes Kind wohl beschreiben können und ein Empfänger kann sie identifizieren, doch Worte und Sätze, Sinn und höherer Sinn, Reflektion und Vorausschauendes, bedürfen des altersabhängigen Intellekt. Zumindest, wenn man sich an ihn wendet, will sagen: wenn man Neo-Dada-Quatsch macht, versteht das scheinbar auch ein 6jähriger. Aber er sieht nur die eindimensionale Ebene, nicht z.B. den parodistischen Effekt und den Sinn dahinter.

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