Mit Kafka gegen die Antisemitismuskeule?

Was macht man, wenn man öffentlich ein ganz klarer “Antisemit” geheißen wird?

Mir ist das kürzlich, als ich mich nicht nur islamkritisch, sondern auch israel- bzw. judenkritisch (nicht generell, sondern in bestimmten Machtzusammenhängen) äußerte, zum ersten Mal passiert, und ob meine Reaktion die richtige, angemessen war, daran rätsele ich noch.

Also zunächst, was ich tat, dann Erwägungen, was ich vielleicht hätte stattdessen tun können.

Da derjenige, der mir diesen Vorwurf entgegenschleuderte, offensichtlich nicht ein randständiger dummer Jüngling war, sondern ein gestandener Platzhirsch im Saale, erwiderte ich lediglich knapp, dass Araber Semiten seien, aber die meisten Juden nicht. Dann noch, dass ich mir das nicht bieten lasse, und hier erst recht nicht (es war in Stuttgart, wo ich eine gewisse Daseinsberechtigung empfinde und außerdem keine Veranstaltung von Linksradikalen) und verließ die Räumlichkeiten brüsk, mit einem lakonischen Danke und einem Tschüss.

Dies konnte nun, und das war mir natürlich klar, so gewertet werden, wie als ob der Vorwurf gesessen hätte, durch meine Reaktion erwiesen wäre, dass er zutreffend sei.

Andererseits war mir in jener Runde, in der ich mit einem solchen Anwurf, der ja so ungefähr nichts anderes bedeutet, als dass man ein vollig verachtungswürdiger, nicht zur Zivilisation gehöriger Untermensch sei, kaum rechnete (das passiert mir nicht mehr), ebensowenig danach zumute, mich irgendwie gegenteilig zu rechtfertigen, denn ich hatte ja zweifellos nicht nur Moslem- sondern auch Judenkritisches gesagt, so dass der Sache von der Seite her nicht zu entkommen war.

Hätte ich – im Falle dass man mir das Wort gelassen hätte, was unter solchen Umständen nie sicher ist – in ein Wortgefecht einsteigen sollen, einfach nur lachen, oder betreten irgendwas dreinmurmeln, dass das ja so nicht eben ganz gerecht sei, um, nicht flüchtend, den Anwurf hoffentlich halbwegs unbeschadet zu überstehen?

Oder kontern, der Mann wisse ja gar nicht, wovon er rede, gar, er sei wohl ein Antideutscher, da er mittels dieser Formel agiere? Um dann wohl des Saales verwiesen zu werden, anstatt ihn wenigstens noch scheinfreiwillig, ohne weiteren Eklat, zu verlassen?

Oder den Angreifer, der meinte, ich habe mich dergestalt “geoutet”, ein wenig dahingehend verspotten, dass sein Deutsch ja nun nicht eben ein klassisches sei?

Das wäre aber wohl zurecht als ein Ablenkungsmanöver meinerseits aufgefasst worden, da heutzutage ja jeder diesen Kauderwelschbegriff kennt, also alle verstanden, dass der Mann damit “offenbart” meinte.

Von der sportlichen Seite der Sache her allerdings war es mal wieder eine interessante Erfahrung. Denn was einem in einer solchen Lage binnen Zehntelsekunden – wie gesagt, ich hatte damit in diesem Ambiente dummerweise nicht im mindesten gerechnet – alles durch den Kopf schießt, ist schon beträchtlich, zeigt einem immerhin, dass da doch irgendwas, so einiges, drinsein muss.

Immerhin bekam ich weder eine rote Rübe, noch dass ich laut geworden wäre, noch dass ich einen auch nur annähernd vergleichbaren Auswurf von mir gegeben hätte.

Unterm Strich bin ich also mit meiner Reaktion einigermaßen halb zufrieden.

Fraglich, ob es viel besser zu machen war. Manchmal ist eben eine halbe Niederlage noch das Beste.

Ob allerdings der Nächste, der mir derlei gibt, auch so billig davon kommt, sei erstmal dahingestellt. Denn es gibt wider jede perfide Bosheit ein oder mehrere Mittel. Selbst wider diese, gegen welche es scheinbar keines gibt.

Insofern: Nächstes Mal, sollte es eins geben, wird der Göller besser vorbereitet sein und wenigstens drei einsatzfähige andere Riposten parat liegen haben.

Oder aber er verschwindet einfach wieder, diesmal vielleicht ganz wortlos, lediglich mit einem verächtlichen Lächeln.

Vielleicht sollte ich wieder öfter Kafka lesen, denn der ist mein jüdischer Lieblingsautor und verstand wahrlich etwas von solchen Situationen.

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