Nichtmal sechs Zentiliter

Zur Walpurgisnacht habe ich ganz neu über Freiheit nachgedacht. Was sie ausmacht.

Und dabei habe ich erfreut gewahrt, dass ich freier bin, als vordem gedacht. Da dies am unvermeidlich folgenden Tag der Arbeit immer noch anhält, berichte ich davon.

Fast schon stier, tumb zu nennen denn, hatte ich mangelnder Freiheit geklagt, allzuwenig darauf achtgegeben, wie es denn um jene meiner Mitmenschen stehe.

Auf einmal sah ich da ein Asenreich, in dem ich frei. Was ich nicht sagen darf, erlaube ich mir allemal noch frei, zu denken.

Da mag die eigene sonstige Wirklichkeit mal ächzen, streiken, quälen; der Unfälle aller Art fehlte es ohnehin nie; böse und verächtliche Blicke, Schandwort und Häme: Was liegt daran! – In meinem Reiche opfere ich ihnen noch nicht einmal sechs Zentiliter mäßigen schwäbischen Rieslings.

Und indem ich, so langsam meine Freiheit erkennend, ganz gezielt immer unspiritueller werde, geht es mir immer besser. Der ganze Spirikram läuft einem nämlich, soweit man ihn brauchen kann, nach wie ein junger Hund, sobald man nur anfängt, klar zu denken.

Also gut. Muss ich man dochma nochma auf die “Spiritualität” rekurrieren. 98% (vorsichtig geschätzt) von dem, was man dazu hört, ist entweder von vornherein Dünnsinn, Wahnsinn, Ohnsinn, oder aber eine Melange aus alter Erkenntnis und einem Haufen Lügen, egal, ob religiös daherkommend oder direktkapitalistisch, ein Konstrukt zur seelischen Ausbeutung der Massen, und nicht nur der Massen.

Man kann seinen Geist nicht entwickeln, indem man einfach herumglaubt. Man kann dann allerdings sehr feste daran glauben, man habe ihn durch konsequentes Herumglauben entwickelt. Das schafft schon eine gewisse Stärke, Festigkeit, wie wir ja bei vielen sich Hinaufglaubenwollenden unschwer ausmachen können.

Geistige Entwicklung auf höherer Ebene fängt damit an, dass der Geist lernt, sich von der Leine zu lassen und dann wieder einfangen zu können. Erst danach ist wirklich mehr drin, als ein vorübergehender oder chronischer Drogen- oder Religionsrausch, ein wenig Wachdelirium, nicht weiterführende Momentanerkenntisse, Kalauer.

Gut, ich verlängere die Walpurgisnacht jetzt schriftstellerisch arbiträr noch ein wenig.

Seit ich kaum noch mit gescheiten Hexen zu tun habe (was eigentlich schade ist, meiner Drüseligkeit geschuldet sein mag oder auch einem allgemeinen Mangel an lustigen, gebildeten Hexen), ist mir im Rückblick, nicht ständig akut hexenverwirrt, auch immer klarer geworden, was eine kompetente Hexe ausmacht.

Dass eine Hexe sinnenfreudig sein solle und über Zauberkräfte verfügen, ist, zumindest was die traditionell guten Hexen anlangt, recht unstrittig; allzuwenig aber ist der Hexen Witz als Heilwaffe geachtet.

Oh! 1. Mai! Was war das?

— Anzeigen —


Tags: , , ,

Eine Antwort hinterlassen