Piraten für ein neues Urheberwas?

Unter dem Titel “101 Piraten für ein neues Urheberrecht” ist gestern eine Sammlung von 101 Einzelmeinungen als eine Art politisches Manifest erschienen. (Es waren zunächst 102, doch wurde Nr. 61 getilgt, da der Herr als holocaustrelativierverdächtig aufgefallen sein soll.)

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das ganze Konvolut durchzulesen. Es lohnt sich durchaus, zumindest für Leute, die einerseits an der Thematik interessiert sind und andererseits an den Sichtweisen der Piraten.

Zusammenfassend zunächst das Positive: Es werden viele gute Argumente vorgebracht, weshalb ein neues Urheberrecht vonnöten sei. Die weitaus meisten betonen, dass Künstler anständig bezahlt werden sollten, klingen dabei durchaus glaubwürdig, verbinden damit regelhaft auch scharfe Kritik an der bisherigen Vormachtstellung von Verwertegesellschaften.

Das Negative: Kein einziger von 101 Piraten stellt auch nur in Grundzügen ein konkretes Konzept für ein funktionables neues Urheberrecht vor.

Es wird sozusagen von allen ein Irgendwas gefordert, das modern und fair und klasse sein möge.

Man darf ohne weiteres vermuten, dass da kein Konzept erscheint, weil keiner eins hat.

Das ist insofern bemerkenswert, als die Piraten sich ja als die Oberexpertenpartei zur Fragestellung gerieren, zumal diese ihren Kernkompetenzbereich wesentlich betrifft (auf anderen Politikfeldern keine Ahnung zu haben, hat man inzwischen mehr oder weniger offiziös eingeräumt), man nun wohl schon ein paar Jahre diskuiert und streitet und wägt und bisher nichts Greifbares dabei herausgekommen zu sein scheint.

Da kreißt also der ganze Nerdberg und gebiert nicht eine Laus.

Ich meine inzwischen zu wissen, weshalb das so ist.

Ich habe mir nämlich auch mal die Mühe gemacht, länger und bis in die verschiedensten Winkel darüber nachzudenken, wie ein gerechtes neues Bezahlsystem, sei es auch über eine “Kultur-Flat” (nettes Wort), funktionieren könnte.

Und da wird, jedenfalls angesichts aller Modelle, die ich bislang zu ersinnen wusste, jeder blass um die Nase, der KEINE totale Nutzerüberwachung will.

Deshalb, nicht weil sie alle dumm wären, haben die Piraten auch kein Konzept.

Ob sie das irgendwann mal zugeben werden?

Ich lade hiermit jeden – ob Pirat oder Zivilist – dazu ein, an dieser Stelle einen Gastbeitrag zu bringen, der klarmacht, dass ich mich irre bzw. nicht weit genug gedacht habe.

Einzige Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, das ein Konzept oder Konzepte für ein neues Urheberrecht wirklich konkretisiert wird/werden, wenigstens in den realen Hauptabläufen und bezüglich der einzelnen Funktionsträger beschrieben, möglichst auch mit Beispielzahlen und -rechnungen.

Nur weil die Piraten über das Fordern eines allheilsamen Irgendwas anscheinend noch nicht hinausgekommen sind, muss dies nicht zwangsläufig auch für diese Seite gelten.

Nachtrag

“Da spielt es dann auch kaum eine Rolle, dass selbst die Piraten noch keine zufriedenstellende Lösung für ein Urheberrecht im digitalen Zeitalter präsentiert haben.” – meint SPON zum demoskopischen Höhenflug der Piraten, die laut Forsa in der Wählergunst inzwischen erstmals an den Grünen vorbeigezogen sind. Was wohl heißt, dass nicht nur ein Blogger in Stuttgart, sondern auch eine der größten Redaktionen des Landes noch nichts von einem konkreten Vorschlag “selbst” der Piraten vernommen hat. Da wäre es wohl mal an der Zeit, das zu ändern. Irgendwann könnten nämlich viele von den 13% merken, und wenn man es ihnen auch erstmal dreimal sagen muss, dass da bislang nur nebulös gefordert wird und, wie der Hanseate sagte, “null Substanz hinter ist.”

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7 Antworten zu “Piraten für ein neues Urheberwas?”

  1. Alex sagt:

    Es gab mal eine Studie in der Zeit oder Welt? Da ging es um das Urheberrecht in Deutschland, zu der Zeit der Industriealisierung. Damals gab es noch kein Urheberrecht oder wurde nicht wirklich verfolgt, auf jeden Fall kommt der Autor der Studie zum Schluss, dass die breite Masse der Autoren im Durchschnitt besser bezahlt wurden, die Reichweite und Auflagen der Bücher, Kunst, etc. weiter und größer waren und es der allgemeinen Volksbildung einen enormen Schub gegeben hat.

  2. Dude sagt:

    “Einzige Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist,…”

    Also gilt folgendes nicht mehr?
    http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2011/10/11/gastbeitrage-nur-noch-mit-klarnamen/

    Ich werde dazu zwar nichts sagen, weil meine Variante eine komplette Abschaffung aller Copyrightscheisse ist. Freie Information für freie Menschen. Totale Transparenz!
    Aber womöglich ist jemand anderes, der gerne anonym bleiben möchte, daran interessiert. :-)

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Danke, dass Du darauf hinweist. Das mit dem Klarnamen hatte ich zu erwähnen vergessen.

    Allerdings tendiere ich auch so langsam zu Deinem Modell: Lieber gleich alle Künstler zu Bettelarschlöchern, als nur die meisten.

    Irgendwie klingt mir das konsequenter, gerechter und tragfähiger.

  4. AQ sagt:

    Wie wäre es wenn die Künstler einfach von den Eintrittsgeldern(Konzerte) und freiwilligen Spenden oder im schlimmsten Fall von einer staatlichen Subventionen leben würden. Ich meine, warum sollte jemand weil jemand schön singt, oder einige wenige zum Superstar gehypt werden, mehr verdienen als jemand die ihre Familie als Bauarbeiter durchfüttern muss, wo ist denn hier die Verhältnismässigkeit? Das ist doch wieder das gleiche Spiel wie das Finanzwesen. Geistiges Eigentum ist paradox, weil jeder Künstler sich von anderen Künstlern inspirieren lässt und manchmal auch abkupfert. Da hemmt diese “Copyright-Scheisse” die Vielfalt der Kunst. Da stimme ich Dude bei….die Totale Transparenz.
    Kunst trägt den Lohn in seinem Namen. Es ist etwas spirituelles etwas heiliges, das nicht mit Geld zu werten ist.

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ AQ

    “Kunst trägt den Lohn in seinem Namen. Es ist etwas spirituelles etwas heiliges, das nicht mit Geld zu werten ist.”

    Das hört sich zunächst gut an: aber auch nur das. Denn in etwa so geht inzwischen von vielen aus die Diskussion: Der Künstler möchte doch froh sein, dass er einer ist, das müsse ihm doch selbst Wert genug sein.

    Dahinter steckt ein teilwahrer Kern, aber so, dass man das Diesseitige des Künstlers, also, dass er Farben, Musikinstrumente, einen funktionierenden Rechner braucht, außer mir auch die meisten ein halbwegs beheiztes Arbeits-/Schlafzimmer, bleibt außen vor, allenfalls soll er almosenverwest werden. Er kann sich ja am Jahrmarkt was dazuverdienen, als Tortenbewerfgesicht oder Kartenabreißer.

    Dude weiß, dass ich bei dem Thema den Bogen stets gespannt habe.

    Das liegt daran, dass ich begründete Befürchtungen dahingehend hege, wir Künstler könnten (auf Dauer dann auch der Rest) vom derzeitigen Regen noch nicht einmal in die Traufe finden.

    Die Debatte wird nämlich erheblich von hedonistischen Elementen bestimmt, dahingehend, dass, in eine derbe Metapher gefasst, die Hure oder der Stricher es jedermann umsonst machen müssten, für ein gelegentliches Trinkgeld dazu, bestenfalls nicht ganz umsonst, sondern für eine Aufwandsentschädigung gemäß Kultur-Flachlegerate.

    Der Künstler wird somit unter Soja und Rind gestellt, für Tofu und Topfen, indem das Rind nicht nur gemolken, sondern auch gefüttert wird, die Bohne gedüngt und gehegt, als bis dass Veganerglibber daraus werde.

    Bei manchen “Nerds” zumal habe ich oft den Eindruck, sie hielten Kunst und Künstler für kapazitätsmäßig derartig inflationäre Entitäten wie ihre elektronischen Festplatten. So, dass diese doch froh sein könnten, dass noch nicht alle ihre Werke schon in Höchstauflösung auf Nerds Smartphone passen.

    Die meisten meinen das keineswegs böse (obschon der Grundantrieb oft ein selbstischer ist), dass ein Künstler keinerlei autonome Rechte mehr an seinen Werken haben solle, außer vielleicht, dass er seine Originalskulptur bei sich zuhause im Keller behalten darf und nicht noch zur Präsentation gezwungen wird.

    Insgesamt wird hier, ich muss es so hart sagen, das Denken bezüglich der Konsequenzen beeindruckend beharrlich verweigert. Wir machen das einach irgendwie, und dann wird es schon. Zum Hedonismus treten also auch noch Naivität und Infantilität.

    Wo ist sie, die “zufriedenstellende Lösung”?

  6. Jimmy Hutter sagt:

    “Es gibt keine “zufriedenstellende Lösung” solange Menschen
    glauben, das es nur ein “Entweder, oder” gibt. Es geht darum
    das Copyright vom Mainstream runterzuholen, damit nicht willkürlich,
    weil jetzt ein Liedtext einem andern zu ähnlich klingt, vom Netz geholt wird. Es ist ja eigentlich gar nicht das Copyright das wir aufheben möchten, sondern die Absurditäten und Unverhältnismässigkeit die daraus entstehen.
    Doch dazu muss man manchmal eine radikale Keule schwingen, das Menschen überhaupt darauf aufmerksam werden, denn so wie das aussieht, müssen noch mehr Köpfe nach Wegen suchen, die eine “zufriedene Lösung” bringen können, die auch umsetzbar sind. Gut Ding will Weile haben, und die Kritiken auf das Copyright-System sind noch jung. Ich bin sicher da kommt noch was.

  7. TanjaKrienen sagt:

    101 Meinungen und zu 90 plus x % anmaßende und infantile Frechheiten gleich eines ohne jede Scheu Ladendiebstahl begehenden Kindes, welches kreischt, es wolle nach dem ehernden Gesetz der Sozialen Gleichheit auch was der Nachbar hat und was es hier schön liegen und stehen sehe – und zwar sofort. Das Freudsche VERWÖHNTE Kind zeigt sich zunehmend nicht nur von seiner sexuellen, sondern auch von seiner psycho-sozialen Seite.

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