Yale-Ökonom Chen: Sprache bedingt Denken und Handeln

Nun, wenn ein chinesischstämmiger US-amerikanischer Forscher aus Yale, der Heimstatt des Gutmenschengeheimbundes Skull & Bones, das sagt, was ich mich so leicht nicht getraut hätte, die altehrwürdige FAZ es bringt (Titel: “Warum die Griechen mit Deutsch als Landessprache weniger Schulden hätten”), darf ich es jetzt wohl auch aufgreifen.

Keith Chen meint nämlich herausgefunden zu haben, dass die jeweilige Sprache, Sprache überhaupt, einen großen Einfluss auf das Denken habe. (Wer hätte das gedacht.) Was an sich ja irgendwo zwischen egal und faschistoidem Diskriminogefasel anzusiedeln wäre, beträfe es nur Nutzloses, also Kulturelles. Er aber ist von Haus aus Ökonom und sieht eine Korrelation zwischen Sprache und rationalem wirtschaftlichem Handeln und damit langfristigem Erfolg.

Interessanterweise – ein genialer Ansatz! – macht er den Unterschied an der sprachlich-geistig determinierten stärkeren oder schwächeren Ausdrucksunterscheidung zwischen Zukunft und Gegenwart fest. Der stärkeren Unterscheidung (auf Englisch z.B. nach “tomorrow” nie Präsens, z. B. im Deutschen nach “morgen” ohne weiteres, selbst harten Grammatikern gilt die futurische Verwendung des Präsens in unserer Muttersprache als korrekt) folge eine stärkere mentale Abtrennung des gegenwärtigen Handelns von den Folgen, was zu mehr sorglosem Schuldenmachen, weniger Sparen, ja selbst mehr unverantwortlichem Rauchen, weniger Sporttreiben usw. führe.

Dass man allerdings noch nicht konsequent genug gedacht hat in Yale, zeigt das folgende Zitat aus dem FAZ-Beitrag:

‘Daniel Casasanto von der Yale New School for Social Research ergänzt: “Es gibt nun eine Menge Beweise dafür, dass Menschen mit unterschiedlicher Sprache auch unterschiedlich denken. Oft handelt es sich dabei nicht um kulturelle Unterschiede, sondern es ist die Sprache, die das Denken der Leute verändert.“ ‘

Nun, mein lieber Herr Casasanto (Heilighaus), Leute, die mit unterschiedlicher Sprache unterschiedlich denken, die weisen ja gerade diese beiden grundwesentlichen kulturellen Unterschiede auf.

Wie auch immer, seien wir nicht zu beckmesserisch und lassen diesen Lapsus mal großzügig durchgehen.

Eine weitere, in eine ähnliche Richtung weisende, diesmal der FAZ unterlaufene logische Ungenauigkeit sei noch erwähnt:

“So muss noch genau geklärt werden, was nun überhaupt Ursache und Wirkung ist und wie wissenschaftlich belastbar die gefundenen Korrelationen wirklich sind.”

Soll das etwa heißen, dass womöglich die Prasser ins Englische inkarnieren und die Sparer ins Deutsche oder Chinesische? Oder man zu Lebzeiten auf Chinesisch umsattelt, wenn man von der Prasserei genug hat?

Trotz dieser beiden Spitzen – die ich mir hier nicht sparen konnte – : eine bemerkenswerte Theorie. Zudem bereits von umfangreichen Statistiken gestützt.

Was lernen wir daraus?

Wenn es ums Geld geht, übt sich selbst der US-Ökonom zu Yale noch in der Sprachwissenschaft, speziell Psycholinguistik.

Eine erfeuliche Entwicklung.

Auch wenn es für jeden Sprachwissenschaftler ein uralter Hut ist, dass die jeweilige Sprache das Denken und damit auch das Handeln beeinflusst.

Anfügen will ich allerdings noch, dass Wilhelm Pötters, als wir ebendiese Sache vor über zwanzig Jahren diskutierten, ich junger Heißsporn auf die Konditionierung und Bedingtheit des Geistes durch die jeweilige Sprache pochte, meinte, dass bestimmte grammatische Strukturen und Möglichkeiten, solche der Wortbildung, in der Dichtkunst gar der Phonologie und Prosodie, gewisse erweiterte oder verengte Räume schaffe, nur kühl (ich zitiere aus dem Gedächtnis): “Grundsätzlich haben Sie recht. Aber ein entsprechend hochstehender Geist wird sich die notwendigen sprachlichen Mittel, das auszudrücken, was er sagen will, so er diese in seiner Sprache nicht vorfindet, eben selber schaffen.”

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5 Antworten zu “Yale-Ökonom Chen: Sprache bedingt Denken und Handeln”

  1. Kristof sagt:

    “Simple English” und “Kolonialdeutsch”. Wenn ein Mensch die ihm dargebotene Sprache nicht geistig erfassen kann, schafft er sich eine ihm gerechte daraus. Oder die anderen übernehmen es für ihn.

  2. Klingelhella sagt:

    Als Linguist ist es für mich ein genauso alter Hut, dass dies nur eine Seite der Medaille ist. Die Prägung der Sprache durch Handeln und Denken erfolgt nämlich genauso.

    Sicherlich kein Zufall, dass der Ökonomen-Soziolekt inzwischen auch oft auf das Private angewendet wird, machen wir uns doch scheinbar alle die Prinzipien aktueller ökonomischer Dogmenlehre zueigen. Sicherlich keine “win-win-Situation”.

  3. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    ich habe diesen Artikel auch gelesen und halte ihn für Blödsinn. Er ist genauso unsinnig, wie das neueste “Forschungsergebnis” dänischer Wissenschaftler, dass das CO2 in der Luft daran schuld ist, dass wir immer dicker werden.

    http://sciencenordic.com/new-theory-co2-makes-you-fat

    Die Dänen wähnen :))))

    Sprache beeinflusst uns natürlich. Wir können uns so ausdrücken, dass es unsere Stimmung hebt oder senkt, wir können es sogar so übertreiben, dass wir durch unsere Ausdrucksweise am Ende des Tages einfach nur deprimiert sind und uns schlecht fühlen.

    Das, was in diesem FAZ-Artikel trotz Bildchen und Statistiken nicht berücksichtigt wurde, ist zum einen die Denkkultur (siehe American Dream) und auch der Zustand eines Landes.

    Würden die Griechen Deutsch sprechen, hätten sie davon nicht eine Produktionsstätte mehr.

    Hier in England erlebe ich z.B. in meinem Kollegenkreis eine wesentlich höhere Bestrebung, z.B. Altersvorsorge zu betreiben, als ich das in Deutschland erlebt habe. Das umlagefinanzierte Rentensystem gibt es in der Form, wie in Deutschland nicht, also müssen die Leute andere Dinge tun, z.B. Immobilien erwerben und vermieten etc. Wobei man auch hier nicht unerwähnt lassen darf, dass Deutschland eben jenes umlagefinanzierte System auf den Scheiten der Individualisierung und Kinderlosigkeit gerade verbrennt. Spätestens die Generation unserer Kinder wird es aufkündigen, hoffentlich ohne blutige Nasen.

    Bei den Chinesen sieht die Sache anders aus und geht trotzdem in eine ähnliche Richtung. Die Chinesen haben eine völlig andere Kultur. Irgendwie hat es die Regierung dort auch geschafft, den Leuten zu vermitteln, sie lebten in einer Demokratie und hätten etwas zu sagen. In Wahrheit dagegen herrscht dort der blanke Drill, teilweise von Geburt an. Dazu muss man sich nur mal diese Kindergärten ansehen, die von sich behaupten, die Kinder zum IQ von 130plus zu peitschen.

    Das hat weniger mit der Sprache an sich zu tun, sondern mit gewachsener politischer Kultur.

    In Deutschland hat es jenen Drill übrigens auch gegeben. Es ist noch gar nicht lange her, da war es normal, Kinder regelmäßig zu verprügeln, sowohl zu Hause als auch in der Schule. Was daraus geworden ist, wissen wir ja und ist z.B. in Heinrich Mann’s “Der Untertan” klassisch nachzulesen.

    Nicht für jeden Unsinn sollte man Fördergelder bereitstellen.

    Herzlichst

    das Lesezeichen

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Alle

    Der Witz an der ganzen Sache ist doch, dass man jeden “normalen” Sprachwissenschaftler aus Köln oder Tübingen, der so etwas aufbrächte, für plemplem erklärte – wofern man ihm überhaupt so viel Aufmerksamkeit widmete – , während die Sache, sobald sie von einem Geldfuzzy aus Yale kommt, ernstgenommen wird.

  5. Anonymus sagt:

    Ich habe mal irgendwo gelesen (Es könnte Peter von Zahns “Die Stunde des schwarzen Mannes” gewesen sein), dass es in keiner Schwarzafrikanischen Sprache ein Wort für “Zukunft” gibt……

    Wenn wir uns die Entwicklung Schwarz-Afrikas und das Versanden aller Entwicklungshilfebemühungen ins Gedächtnis rufen kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass es nicht nur kein Wort für “Zukunft” gibt, sondern “Zukunft” deshalb in den Köpfen auch nicht stattfindet…….

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