Endfitz und Silbenmüll statt Helden

Vor ein paar Tagen geriet ich in ein Kneipengespräch, in dem mein Thekenkollege und ich über Umwege auf den Begriff des “Helden” kamen.

Mein Gesprächspartner meinte, er könne mit diesem Begriff überhaupt nichts anfangen bzw. der sei völlig verlogen und aufgesetzt, außerdem rieche er immer irgendwie nach Faschismus, wenigstens faschistoidem Denken.

Etwas überrascht fragte ich, wieso? – dass doch ein Held traditionell gerade derjenige sei, der sich leicht davonmachen könnte, aus der Verantwortung stehlen, keine Not leide, sich dann aber in außergewöhnlichem Maße, bis hin zur Selbstaufopferung für andere, die sich alleine nicht zu helfen wüssten, einsetze.

Indes, er gab nicht nach. “Held” habe eben stets dieses Geschmäckle, für ihn sei das Wort alleweil belastet. Er wollte das dann auch nicht mehr genauer begründen.

Ich krutz mich dann hinterher aber doch noch weiterhin am Kopfe. Denn es handelte sich nicht um einen ungebildeten, verkniffenen, zukurzgekommenen, verwahrlosten Jungspund, der da so redete, sondern um einen mir durchaus als gestanden wie gesetzt und humorvoll bekannten Mann.

Ich übertreibe jetzt vielleicht ein bisschen, ziehe das Beispiel zur Verdeutlichung aber trotzdem heran: Wie lange mag es noch dauern, bis das Wort “Stiefel” als suspekt gedacht und gelehrt wird, man “Hochschuh” oder “Überhalbschuh” sagen muss, da ja bekanntlich nicht nur Bergsteiger, Bauigel und Damen, denen das gefällt – die darin gefallen wollen – , sondern auch Soldaten Stiefel tragen? Übrigens auch die Sandale stirbt, da die faschistischen römischen Legionäre in solchen Latschen unterwegs waren, die jetzt “beriemte Teilverschlussschuhe” genannt?

Dass “Autobahnen” nach Hitler klingt, wissen wir ja schon. (Der allseits beliebte Olympische Fackellauf wurde übrigens 1936 in Berlin eingeführt. Furchtbar. Weg mit allen Fackeln!)

Und es gibt sogar Radpanzer und Kettensägen. Also alle Räder ab und die Goldkettchen auch.

Es scheint alles Differenzierungsvermögen verlorenzugehen. Oder besser, ausgetrieben zu werden, indem alles mit einem Verdachte ins Böse hin behangt wird.

Ständig kommen neue Begriffe hinzu. “Weib” klingt auch schon wenigstens irgendwie ein wenig zu wilhelminisch, “Studenten” sagt man offiziös ebenfalls lieber nicht mehr (zugunsten des genderneutralen “Studierende”), “Lehrling”, gar “Stift”, trauen sich nur noch die Meister von kleinen Handwerksbetrieben, statt “Putzfrau” muss es “Reinemachfrau” heißen… Und für mich einer der krassesten Kalauer: Der Hausmeister ist neuerdings ein “Facility Manager”. Ach ja, und das Arbeitsamt heißt “Bundesagentur für Arbeit”. Überall zwanghafter, krampfichter Silbenmüll.

Diese Sprachpolizei ist nichts anderes als eine Gedankenpolizei. Wir sollen lernen, normal und angebracht zu finden, was sinnlos und lächerlich ist. Und als gefährlich, verdächtig, was sinnvoll und richtig.

Wer dies mitmacht, wird selbst lächerlich und sinnlos.

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5 Antworten zu “Endfitz und Silbenmüll statt Helden”

  1. Dude sagt:

    Lieber Magnus

    Ich muss hier auf einen Deiner besten Artikel verweisen… (er kommt leider nicht bei den angebotenen, die passend dazu auch interessieren könnten, darum übernehm ich das ;) )

    Von falschen Begriffen dauerbesoffen. Allein schon der Titel bringt es auf den Punkt :)
    http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2011/04/04/von-falschen-begriffen-dauerbesoffen/

    Danke Dir herzlichst für Dein Schaffen im Allgemeinen hier :)

  2. TanjaKrienen sagt:

    Mehr oder weniger übernehmen wir das ebenfalls, weil wir auch nur Dialogführende sind die verstanden werden wollen und weil der Widerstandsgeist nicht in jeder Sekunde wach ist. Manchmal frage ich mich, wie und was wir überhaupt vor 30, 35 Jahren sprachen? Man schaue alte Filmaufnahmen, Berichte, Fernsehspiele und sehe die Unterschiede…

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ TanjaKrienen

    Du sprichst zwei entscheidende Probleme an. Das dritte besteht natürlich darin, dass man nicht selten Nachteile zu befürchten hat, wenn man sich dem Neudummsprech nicht anpasst.

    Und in der Tat ist auch Dein Vorschlag, sich öfter mal mit den Unterschieden zu befassen, indem man sich die alten Sachen anschaut, anhört, zielführend.

  4. Lockez sagt:

    Es gibt ja noch Denglisch, das ist ja noch bekloppter!
    Z.B.: ” Ich hab ja morgen ein MEETING, ich muß nur pünktlich bei der LOCATION sein. ”
    Naja, IHR wißt ja was ich meine. :D

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lockez

    Beim Denglisch wirkt ein gewaltiger Gruppenzwang. Wer da in bestimmten Branchen (banking, marketing, services, media…) den Blödsinn nicht mitmacht, ist der Depp.

    Ich habe dabei in der Regel keine Verständnisprobleme (es sei denn ich kennte bzw. verstünde wirklich die Sache nicht, um die es sich dreht), da ich Englisch besser beherrsche als wenigstens die meisten Dengleutsch-Sabbelnden, Deutsch auch, und mir daher schon meinen Reim machen kann.

    Was aber ist mit denen, bei denen das nicht der Fall ist? Da versteht dann der Musikfritze nicht, was der Werbefritze rauslabert und umgekehrt, ein Dritter beide nicht, und “uncool” ist natürlich der, der nichts “checkt”.

    Dabei dreht es sich jetzt nicht um bestimmte gängige Fachbegriffe, wie Synthesizer oder Event, sondern um Kauderwelsch wie “ungeremixt” (wahlweise mit “u” oder “a” am Anfang ausgesprochen) oder “downgegradet”, wo jeder “nicht nachgemischt” oder “herabgestuft” im Zusammenhang leicht verstünde.

    Diese Leute merken das aber selber kaum noch. Sie können gar nicht mehr anders. Wohingegen ein sonstiger Fachmann bzw. Wissenschaftler in der Regel schon weiß, dass er zur Oma Müller nicht “Phonologie” sondern “Lautkunde” sagt, zu einem vierzehnjährigen Mittelschüler nicht “Interdependenz” sondern “gegenseitige Abhängigkeit” usw.

    Wenn er das nämlich nicht “checkt”, dann ist er entweder unfähig, oder wird zurecht als überhebliche A….nase identifiziert.

    Der soziale Mechanismus läuft hier also, wenn nicht umgekehrt, so doch regelhaft ganz anders, als beim Denglischen.

    Übrigens, das noch nebenbei: Leute, die wirklich gut Englisch können, sprechen – zumindest freiwillig – so gut wie nie selber Denglisch. Da es sie anwidert. Da sie es für blödsinnig halten. Da sie sich nich nicht bescheuert vorkommen wollen und auch nicht vor anderen so dastehen.

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