Denkt! Schafft! Redet!

Ich danke hiermit mal auch meinen Deutschlehrern der neunten und zehnten Klasse, dass sie mir, zwar nicht soherum beabsichtigt, sondern genau anders, eine gewaltige Wut gegen jedes hohle Geseich und Geschwätz anerzogen, die, wie jeder hier öfter Lesende weiß, auch heute noch gelegentlich aus mir bricht.

Wider Willen und Absicht haben mir diese beiden mit am besten geholfen. Mich, sich selbst als avantgardistisch wähnend, mit zu dem Revoluzzer gemacht, der ich heute erst recht bin. Denn sie waren schon politisch korrekt, als es diese Chiffre noch gar nicht gab und ich noch linksrum dachte. Aber nicht linksrum genug für meine Deutschlehrer! Danke!

Die Emanzen – gab es damals schon – die dann im selbstverwalteten Jugendhaus ein Bierverbot erließen, gaben mir den vorläufigen Rest. Da hatte Nietzsche hernach, wenn auch ein paar Jahre und ein paar Professoren später, ein leichtes Spiel mit mir. Auf den konnte ich nur gewartet haben.

Der, außer Cervantes und einer Amerikanerin, die mir eindringlich nahebrachte, ich sei sprachbegabt – das hatte ich praktisch verdrängt und vergessen, ihr gebührt mein ewiger Dank darob – führte mich, außer meinem bislang unübertroffenen Lehrer Wilhelm Pötters, schließlich nämlich dahin, wieder auf die Kraft der Sprache, auch meiner eigenen, vertrauen zu lernen.

Es gibt die “positive Traumatisierung” (siehe Suchfunktion oben rechts, schon davon geschrieben) eben doch. Gerade der, der einen, im Falle des Zehntklasslehrers nicht einmal gänzlich inkompetent, jener der Neunten war eine Quadratsnull, mal richtig ungerecht, nein, besser gesagt, von der Enge und Einseitigkeit seines zeitgeistig verprägten Denkens geplagt, mag einem den Weg gerade dahin weisen, wohin er das als Hinterletztes vorhatte, eingerichtet war, dies zu tun.

Hätte mir mit Fünfzehn einer gesagt, dass ich mal Spachwissenschaftler würde, den hätte ich noch nicht einmal zu verlachen mir normalerweise Zeit genommen. Erst auf heftigste Insistenz hin hätte ich ihm erklärt, dass all diese Deutschfritzen erwiesene Laberaffen seien, deren Gewerk eines, das nur von sinnlosen Backenaufbläsern betrieben werde.

So ändern sich Ansichten und Zeiten. Heute liebe ich kaum noch etwas mehr als meine Kinder, mich selbst, meinen Salbei und meinen Rosmarin, meinen Wein auch, denn diese unsere herrliche deutsche Sprache, die uns jederzeit Labsal, Trost, Ansporn und Erhebung zu spenden vermag, wie sie die Naturwissenschaften, die ich immer noch nicht, trotz mancher Verleidung dahingehend, irgend verachte, zumindest momentan mir nicht zu geben vermögen.

In der Sprache nämlich schlägt sich alles, schlägt sich der ganze Mensch nieder. Oder vielmehr, sie vermag ihn in ihrer ganzen Kraft auch aufzurichten. Sie ist unser größter Schatz. Gold, Geld, selbst Raketen und Raumschiffe, sind nur erschmolzene oder auch erlogene Stoffe, lediglich Artefakte im Vergleiche.

Es ist mir egal, wenn mich nur noch mein bester Lehrer, sollte er bei seinem Schüler doch mal lesen, vielleicht ein paar andere, darin verstehen. Cervantes wusste ohnehin, was ich hier rede, mein Meister, der mir zeigte, dass ich ein fahrender Ritter nicht nur sowieso schon immer gewesen sei, sondern auch noch weiter reitend werden müsse, da keine andere mögliche Zukunft mir gerecht werden könne. Ewigen Dank dafür auch diesem kaum übertrefflichen Manne.

Noch ein Wort zur Jugend. Mit 48 Lenzen darf ich wohl so reden. Ihr habt die besten Möglichkeiten, die meines Wissens je eine Jugend hatte. Wenn Ihr lernen wollt, erfahren, trennen Euch nur drei Mausklicks von Dingen, denen wir noch, wenn wir überhaupt davon erfuhren, lange nachlaufen mussten, in dunklen Gassen eine Schrift darüber zu ergattern. Euch fällt, in diesem Sinne verglichen, fast alles zu.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass Ihr mit mehr Schonung rechnen könnt, als sie uns zuteil ward. Aber, Ihr habt die Mittel wider die Gedankenunterdrücker viel leichter und schneller bei der Hand. Macht Gebrauch davon. Sonst werde ich sauer auf Euch. Aus der Feigheit ist noch nie eine Heilpflanze erwachsen.

Ihr könntet, die Besten, inzwischen meine Söhne sein. Man kann schon mit 24 das Denken anfangen. Glaubt mir das mal einfach. Probiert es. Prüft mein Opageschwätz und widerlegt mich. Nehmt Eure Elektrokästen und nutzt sie, verdammt nochmal. Zeigt, dass Ihr mehr oder mindestens das draufhabt, was wir alten Säcke können.

Schafft was! Gebt den Kriegstreibern was ihnen gebührt! Lasst uns, letztlich dann Euch selbst, nicht allein!

Na gut, dann lasst uns halt allein. Was liegt daran. Wenn Ihr nichts, oder vielmehr nur Halbes tut, werdet Ihr womöglich schneller in einem FEMA-Camp landen, als ich. Denn bei mir lohnt es sich dann schon relativ weniger, mich abzuholen. Also holt man mich erst dann, wenn Ihr Schlafsäcke schon drin seid.

Macht was! Wenn schon nicht Kinder, dann wenigstens irgendwas, außer Geld!

Denkt Ihr etwa, man könne sich diese Welt einfach zurechtdenken, indem man sich die Wirklichkeit wegdenkt?

Sagt Euch Euer Professor für Theologie oder Geschichte oder gar Sprachwissenschaft das?

Dann gebt mir seinen Namen, seine Rede. Dem komme ich.

Er wird keine vernünftig widerratende Antwort haben.

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3 Antworten zu “Denkt! Schafft! Redet!”

  1. Dude sagt:

    Beim zweiten Lesen wird der Text hier nochmal ein vielfaches besser, auch wenn man das kaum glauben kann!
    Meinen höchsten, respektvollen Dank an Dich dafür. :-)

    Der wär doch mal was für die monatlich wechselnden Favoriten des Autors… ;-)

    Liebe Grüsse vom Dude

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Danke wiederum für den Hinweis! Die Neueinstellung wird zeitnah erfolgen.

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