Vom Wundersamenkraut (II)

In Stuttgart, wo der Lenz sich früher zeigt, als auf der Alb, im Bayerischen Wald oder in der kalten Baar, hat das Wundersamenkraut schon wieder angefangen zu treiben.

Und es offenbart jedes Jahr neue Heilsamkeiten: Manchmal spricht es sogar zu dem, der es hegt.

Es spricht dann aber nicht nur in Engelszungen, wie jene, die es ohnehin nie hören werden, vermuten mögen; denn manchmal grollt und grimmt es auch; es mag gar mal zischen, fast keifen, wenn es gewahrt, dass der Hörende es nicht so recht ernstnehmen will.

Ein alter, erfahrener Wundersamenkräutermeister meint einmal gehört zu haben, wie es, die Blättlein hangend, vor sich hingemurmelt haben soll, unterlegt mit einer Weise, dass dem Alten darob durchaus grauste, wie er mir erzählte.

Dies scheint – zwar selten, denn leicht erregsam ist das Wundersamenkraut nun eben nicht – dann zu geschehen, wenn es den durchdringenden Odem der Dummdreistheitspest riecht; es warnt dann seinen Hüter auf deromaßene Weise.

Besänftigt, dann, aber, durch aufmerksames Hinhorchen, ein beigelegtes Apfelstück, wohl auch einen Viertelkubikzentimeter Malzwhiskyzugusses, eines Fingerhutes guten Weins, geht sein unheilschwangeres Surren in ein Scharren und Knarren zunächst, später in Altflötenklänge über, die unseren Johann noch beflügelt hätten.

Was sage ich “hätten”: Bach hatte einen ganzen Hain voller Wundersamenkrautes im Hag.

Und Nietzsche: Der war zwar manchmal nicht zufrieden mit ihm, mochte es auch wohl mal necken, selbst eines gelegentlichen Händels mit ihm nicht entraten. Schließlich indes vertrugen sie sich immer und scherzten in neuen Scherzen zusammen.

Miguel de Cervantes Saavedra hinwiederum war der bislang bekanntermaßen einzige, dem ein Korn des Wundersamenkrautes in einem dunklen, üblen, zerhitzten Kerker erspross; in seinen Kittel, der ihm den Tod zu bringen wahrscheinlich, eingenäht, von den Wachen unentdeckt, ergriff auch die Schandbuben und Räuber um ihn, da es erwuchs, eine Ehrfurcht, ohnkannt, es ihm nicht nehmen noch verleiden zu wollen.

Und Heinrich von Kleist, der, den wir sonst am ehesten einen wahren Helden nennen mögen: dem konnte nicht einmal das Wundersamenkraut mehr helfen, als er an sich selbst, an der Tumbheit seiner Mitwelt, zerbrach.

Nicht einmal das Wundersamenkraut nämlich vermag alles zu heilen: Es vermochte auch nicht abzuwenden, dass Schiller fast einem Hunde gleich begraben ward.

Und doch: Das Wundersamenkraut besitzt eine Kraft, die über den Tod hinausreicht. Es ist nämlich das Kraut, das über alle Unendlichkeiten spotten darf, da es jeden Künstler liebt, als wäre er sein eigen Kind.

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