Elektrosprech

Eben habe ich ein neues Idiotenlexem gelernt. In einem großen Schafsmedium gelesen, das ich jetzt nicht nenne.

Es heißt “disliken”.

“Disliken” ist das, was die Bösen im Netz mit den Guten machen, wenn sie ihnen schaden wollen.

Ich habe keine Ahnung, wann und wofür ich vielleicht schon einmal “disgeliked” worden bin.

Das wäre mir, obschon es mir ansonsten egal ist, auch schon fast eine Ehre. Bitte zehn Milliarden mal. Denn wenn Deppen mich nicht mögen, sehe ich mich durchaus ein Stück weit bestätigt.

“Downgeloadet” und dann erst recht noch “disgeliked”. “Angemailt” (geht ja verhältnismäßig grade noch) “gedated”, “gefeedbacked”, “gefaked”, “gefalseflagged”, “downgetowned”: Früher war man wenigstens noch “stoned”. Das war sinniger.

Meine Kinder verwenden solche Absturzwörter jedoch fast nur, wenn ich nicht in der Nähe bin. Sie wissen nämlich, dass sonst die härteste aller Sanktionen droht. Nämlich Butterbrot statt Abendessen. Diesbezüglich kennen sie ihren allnachgiebigen Papa nämlich als einen, gnaden- wie gehörlosen potentiellen Faschisten.

Ob das was hilft, weiß ich natürlich nicht. Ich gebe mich aber gerne der dahingehenden Hoffnung hin. Meine Söhne halten mich zwar für ziemlich durchgeknallt, geben sich aber mitunter einige Mühe darin, es nicht zu deutlich zu zeigen. Sie scheinen mich trotz allem ein wenig liebzuhaben, nehmen also etwas Rücksicht, und fürchten außerdem die beleidigte Butterbrotsanktion.

Ich bin ja auch wirklich ein bisschen behindert. (Sorry, aber die Jugend sagt das so. Kann ich nichts für. Immerhin sagt der Große nicht mehr “Nullchecker” zu mir, nachdem ich das dann doch mit sehr deutlichen Riposten beantwortete.) Denn, nur als Beispiel: Ich habe erst vor wenigen Wochen gelernt, musste ob der bescheidenen englischen Aussprache meiner Filiorum auch dreimal nachfragen, den Sinn des Wortes assoziativ zu erfassen, was eine “Docking-Station” sei.

Dass es sich um ein modernes technisches Gerät (ich nenne all die Dinger inzwischen pauschal Elektrokästen) handeln müsse und nicht etwa um ein Hundeklo, war mir schnell klar, als ich die leuchtenden Augen sah, verbunden mit dem dringenden Bedürfnis, mir so ein Ding aus der Brieftasche zu leiern.

Der iPod vom Großen – der Kleine hat seinen gleich versemmelt – verfügt jetzt also nebst Ladekabel (was für ein altmodisches Wort!) auch über eine Art Elektrohafen zum Anlanden. Dass Ingenieure heute, viele Jahrzehnte nach Tesla, noch so etwas fertigbrächten, hätte ich kaum zu vermuten gewagt. (Die Scheißdinger, mit Verlaub, haben noch nicht einmal einen auswechselbaren Akku. Das fand ich, als ich mir sie beim Saturn erklären ließ, gleich schon skandalös. Auswechselbare Batterien gab es nämlich schon, als ich ein Kind war.)

Dass diese Holzäpfel auch noch das Doppelte kosten wie vergleichbare Geräte, man zudem im Bezug der Weichware zum stets dealerüberwachten Junkie herangezogen wird, tat für mich als Schwaben wie auch ewigen Freiheitskämpfer ein Übriges.

Ich will jetzt nicht gleich endzeitstimmlich werden, meine aber, dass ein Strick nicht nur billiger ist, sondern auch sozialverträglicher als ein Smartphone. Weniger Quälerei, ein kurzes, sauberes Ende.

Dabei liebe ich entwickelte Technik. Die Erfindung des Stiefels und der Waschmaschine zum Beispiel. Auch die Tram und und das Schweizermesser.

Die Erfindung des Elektrosprechs allerdings schätze ich nicht als eine Errungenschaft des menschlichen Geistes. Sondern halte ich sie für eine Methode zur massenhaften Züchtung von Dementen. Für eine vorsätzlich pathogene Aberration, die überwunden werden muss.

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2 Antworten zu “Elektrosprech”

  1. Dude sagt:

    Einfach köstlich! Ein Kandidat für die Top 15! ;-)
    Liebsten Dank. Nach der etymologischen Hirnmarter kam das jetzt gerade recht!

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Danke für das Lob! Leider aber ist es so – schau Dir mal meine Top 15 an – , dass die Leute vor allem auf Katastrophen, Skandalöses, Nazikram usw. stehen.

    Meine Stammkundschaft zwar nicht so ausgeprägt, aber eben jene, die ich nur gelegentlich, auf anderen Wegen, erreiche.

    Wenn man einen Blog machen will, der richtig satt Zugriffe bekommen soll, muss man dem Bildzeitungsprinzip folgen, nein, schlimmer noch, außer dem täglichen bevorstehenden Weltuntergang auch noch Gold verkaufen (das es angeblich praktisch nicht mehr gibt), um nebenher auch noch den eigenen Säckel zu füllen, und ja, es ist nunmal so: sich am besten auch nicht um eine anständige Orthographie und Interpunktion bemühen (also unter die Bildzeitung gehen), damit Hein Plebs sich auf der Seite nicht diskriminiert fühlt, hiemit wohl.

    Mir fiele jetzt nachweishalber sofort ein schweizerisches, österreichisches und deutsches Beispiel dafür ein.

    Wahrscheinlich kennst Du diese drei Spezialisten auch. Nenne sie aber bitte hier nicht, und stelle auch keine Vermutungen an, wer gemeint sei. Ich will dahingehend keinen namentlich anschwärzen.

    Beim Google und bei Alexa fahren solche Leute natürlich ziemlich gut, hiemit auch bei den Werbeeinnahmen. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass der Google – er misst eben nicht nur Klicks, Verweildauer usw. – hier wesentlich qualitätsorientierter abeitet, als die erwähnte Erbsenzählerkompanie.

    Ich sage jetzt mal – auch wenn das etwas anmaßend klingen mag – : Die Jungs vom Google machen es wenigstens teilweise so, wie ich das auch täte, wenn es mein Laden wäre.

    Das Einzige, was sie bisher mit Sicherheit falsch gemacht haben, ist, mal einen Blick auf meinen Kontostand zu riskieren und mir angesichts der darausfolgenden Schlüsse eine anständige Gratifikation dafür rüberzuschieben, dass ich ihre Maschine mit Sinnvollem füttere, praktisch täglich.

    So gesehen ist das Geschäftsmodell von Google noch reichlich kleinkariert angelegt und unterentwickelt.

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