3-D-Wahn: Offener Brief an Sony

Tut mir leid, liebe Firma Sony. Ich weiß um die meist ordentliche bis hochwertige Qualität Ihrer Produkte. Aber was ich da im Stuttgarter Saturn-Markt gewahren durfte, ist unter aller Kanone.

Es handelt sich um ein 3-D-Fernsehgerät ihres Hauses, der neuesten Baureihe, wie mir der Verkäufer versicherte.

Wie können Sie so etwas verkaufen?

Ich schaute etwa eine Viertelstunde durch diese Spezialbrille, um mir allerlei Buntes aus Harry Potter usw. anzuschauen, Ihre Trailer sozusagen, Lockfilme zu Deutsch, merkte aber schon nach Sekunden, dass da gewaltig was nicht stimmte. Ich neige nicht sonderlich zum Durchdrehen wegen Kleinigkeiten, zumal wenn wegen technischen Versagens. Ich hatte den Eindruck, dass mein Hirn bei der Verarbeitung der optischen Signale, nie wissend, wie scharfstellen, an so ein Halb-3-D nicht im mindesten adaptiert, immerzu an der Schmerzgrenze arbeiten musste. So ein Wahnsinn.

So war ich hernach auch nicht sonderlich verwundert, dass mein räumliches Sehen in der realen Welt erst einmal ebenfalls recht surreal war; ich hätte weder ein Automobil steuern wollen, noch gar einen Hubschrauber, ja noch nicht einmal, so schräg waren alle Linien und Entfernungen (irgendwie da, aber oszillierend), hätte ich mit dem Radel durch den Stadtverkehr orgeln wollen. Erst nach etwa einer halben Stunde hatte ich das Gefühl, endlich wieder wie ein Mitteleuropäer sehen zu können.

Ich muss an dieser Stelle hinzufügen, dass ich, seit ich einen TFT-Bildschirm habe, an diesem viele, manchmal vielleicht zu viele Stunden problemlos am Stück arbeiten kann, ohne Kopfweh und Ausfallserscheinungen. Früher fuhr ich teils, mit reichlich verkratzter Brille, Gläser schon nicht mehr achsengerecht, voller Schlunz, Wasserflecken und frischen Wassertropfen, nachts, nachtdurch, Scheibe alter R4, im Starkregen, Wasserreflexe also doppelt, dann Gegenlicht von einem, der das Fernlicht nicht auszumachen für nötig hielt, doch wacker immer die Straße entlang und weder wider jenen noch in den Graben oder Wald.

Nein, liebe Firma Sony, es war zwar nur ein Test von einem, der so etwas nicht gewohnt ist, aber ich bin mir intuitiv einhundertprozentig sicher, dass diese Art des Sehens mindestens für viele nicht gesund sein kann, wenn nicht für alle, abzüglich, wer weiß, einiger Ausnahmen.

Ich will Ihnen auch sagen, weshalb ich meine, dass das so ist. Ihr 3-D ist ein derartig lausiges Zwischending zwischen einer klassischen, auf eine Fläche projizierten Räumlichkeit, wie beim Bild oder hergebrachten Film, und dem wirklichen raumlichen Sehen, ein Bastard der optischen Wahrnehmung der untersten Sorte, dass ich Ihnen dafür zwar nicht gleich die Pleite an den Hals wünschen will, aber Sie doch dringend ersuchen, auch wenn kein EU-Kommissar einschreitet, solcherlei Hirnwirrelektrokästen auch im eigenen Interesse umgehend vom Markte zu nehmen.

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4 Antworten zu “3-D-Wahn: Offener Brief an Sony”

  1. Armin sagt:

    Unterstützungswürdig!

    Aber spricht es für den Konsumenten, wenn sich so ein Mist gar noch einigermassen gut verkauft?

    3D TV soll ja der obergeilste Coolheits Hit sein zurzeit. Oder ist da nur Sony so grottenschlecht – ich würde sagen nein…

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin

    Ich habe mir schon zwei Rügen dafür eingefangen, dass ich hier so nassforsch vorgegangen bin, das Experiment nicht erst mehrfach zu wiederholen, zig Probanden zu befragen usw., einfach gleich frech loszulegen.

    Sollte sich herausstellen, dass ich der einzige in dieser Richtung Empfindliche bin, so habe ich schlicht nur mich blamiert und der Firma Sony damit noch einen unfreiwilligen, dann aber billigen, Gefallen getan.

    Und wenn die Wettbewerber dazu in der Lage sein sollten, hirnunschädliche Geräte anzubieten, dann habe ich der Menschheit einen Gefallen damit getan, ihr Bewusstsein in diese Richtung zu schärfen.

    Außerdem: Muss man gleich merken, dass man gaga wird, vielleicht als 48-Jähriger schneller, als ein Jugendlicher, der es erst dann schon nicht mehr merkt, wenn er es vollends ist?

    Bin ich einfach nur ein Sensibelchen von gestern, daher irrelevant, nicht mehr fit für eine so schöne neue Technik?

    Nun, merkwürdigerweise sehe ich trotz Brille normalerweise immer noch das, was mich interessiert, schneller auf einer Seite, sei sie handschriftlich und von Papier, sei sie der Suchmaschine, als sonst wohl die meisten optischen Oberchecker. Womit ich nur gesagt haben will, dass ich weder organisch noch in der Hirnverarbeitung dahingehend sonderlich gravierende Probleme habe. Normalerweise. Ich sehe, Steinmetz gelernt, auch Linien haargenau, Winkel äußerst exakt (zumal den rechten selbstredend), erkenne den Goldenen Schnitt, kann freihand geradeaussägen, – flexen, bohren, mit etwas Übung auch wieder blind den Fäustel aufs Eisen führen, und selbst beim Tischtennis werde ich doch noch nicht sofort von jedem jungen Kerl zerlegt. Ich vermag von daher meine spezifische Behinderung bisher nicht zu erkennen. Was soll denn bei mir so kaputt sein?

    Meine merkwürdige Ersterfahrung habe ich daher bewusst ohne Recherche und allerlei Abgleich oben ganz frisch und nackt beschrieben: ich hörte gerne einmal Augenoptiker und andere Fachleute zu meinen Einschätzungen.

    Und ich früge auch gerne mal einen Expressfahrer, ob er sich nach einer Stunde Sony 3-D gleich in seine Mühle setzen will und losheizen.

    Oder ich frage mal einen Gerüstbauer, ob er nach diesem Genuss und noch einem Schluck Limo weit oben frei Teile abnehmen will.

    Wie ist es da womöglich mit den Langzeitschäden, ist es mit einer Stunde Schwummer getan, alles reversibel?

    Fast am liebsten aber, weil das versuchsweis auch nicht so gefährlich wäre, hätte ich einen Bagger- und einen Staplerspezialisten, mal zu prüfen, wie feste bei den Sondergenauhinguckern die Dimensionen noch stimmten, nach entsprechender Vorkost.

    Man wird sehen.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Sony

    Sie haben sich noch nicht geäußert. Verständlich.

    Ich habe den Offenen Brief an Sie auch, ganz modern, einfach nur ins Netz gestellt, allerdings in der hohen Gewissheit, dass er Sie so umso besser erreichen werde.

    Ich habe keine Agenda gegen Ihr Unternehmen.

    Aber ich meine auch ernst, was ich oben geschrieben habe.

    Sollte ich tatsächlich ein Ausnahmssonderling sein, oder einfach an jenem Tage lediglich übers Maß zu schlecht geschlafen haben, so lässt sich die Sache aussortieren und der Verdacht, Weiterungen könnten häufig und gefährlich sein, sinnigerweise ausräumen.

    Ich bitte Sie hiermit, wenn Testreihen noch nicht, jedenfalls nicht im Sinne der von mir angesprochenen potentiell bedenklichen Zusammenhänge, durchgeführt wurden, umgehend damit zu beginnen, um Ihr Angebot gegebenenfalls aus freien Stücken rechtzeitig zu überdenken.

    Ich hege bislang keinerlei Verdacht, dass Sie in irgendeiner Weise grob fahrlässig gehandelt hätten; Fehler passieren; der Marktdruck ist hoch; doch sollten Sie mindestens dann handeln, wenn Ihnen ähnliche Berichte wie der meinige zu Ohren kommen.

    Nein, Sie sollten einfach mal schauen, was an der Sache dran ist, also die Ohren aktiv öffnen.

  4. Rainer Grzybowski sagt:

    @ Magnus

    Komme gerade vom Gerätetest aus dem Saturn Markt zurück.

    Hatte auch kein besonderes Vergnügen daran.

    Na ja, vielleicht ließe sich so Bier sparen, wenn man schon vorher alles doppelt sieht, kam mir in den Kopf.

    War nach einer Viertelstunde eben im Begriff, das Experiment zu beenden, um meine Staplertüchtigkeit zu überprüfen, als mich ein freundlicher Verkäufer auf den “Power-Knopf” an der Brille aufmerksam machte…

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