Metatextsemantik

Gestern Abend las ich wieder einen Artikel von einem, der hervorragend schlecht schreiben kann und mir darob schon zuvor aufgefallen war.

Die Sachen, die ich bislang von ihm kenne, die er macht, sind stilistisch äußerst geschliffen; für heutige Verhältnisse sehr selten; trotzdem werde ich ihm jetzt nicht die Ehre angedeihen lassen, ihn zu erwähnen.

Zum einen deshalb, weil seine zahlreiche Anhängerschaft meine Kritik an – jüngst – seiner Papstseligkeit und deren Begründung mir weit überwiegend reflexhaft als Neid des bislang Kürzergekommenen auslegte, zum anderen, weil ich mir diesen Blender bis zu einer besseren Gelegenheit aufsparen will.

Sehr geschickt argumentiert er scheinbar individualistisch, auch gerne – vermeintlich – antimodern, um dann, zum Beispiel nur, sozusagen souverän bei einer derartigen Idiotie wie jener kollektiven Papstverehrung zu landen.

Was mich ärgert, ist, dass ich noch nicht herausbekommen habe, inwieweit dieser Mann lügt und inwieweit er sich selber glaubt.

Es scheint eine Mischung von beidem zu sein.

Und ich habe immerhin schon eine mögliche Erklärung für den Hintergrund: Eitelkeit.

Eitelkeit kann nämlich eine so starke Triebkraft sein, dass einer sich seine Lügen schließlich selber glaubt. Insofern habe ich vielleicht gar keinen Grund, mich über meine bisherige Unfähigkeit der genauen psychophilologischen Einschätzung zu ärgern.

Dass er Mitglied eines Geheimbundes – wenigstens eines – ist, halte ich für recht wahrscheinlich; denn er genießt – nicht von seiner Sprachmacht abgeleitet – offenkundig ein hohes Maß an Protektion.

Aber, seit ich etwas mehr von ihm las, rieche ich immer etwas Falsches, ein Hintenrum, etwas Goethesches (wobei er diesen Lügner in dessen Dichtkunst meines Wissens dann doch nie zu erreichen vermag).

Hier waltet nämlich nicht nur die textsemantische Torsion, alswelche normalerweise nicht allzuschwer nachweisbar, sondern ein Duktus, der markig daherzukommen scheint, aber letztlich schleimig ist.

Es werden mir jetzt vielleicht nicht mehr viele folgen können oder wollen. (Zumal ich den Herrn weiterhin – zumindest in diesem Beitrag – nicht benennen werde.)

Ich leiste mir aber manchmal den Luxus, für die Ganz Wenigen zu schreiben.

Jene, die wissen, dass man Texte nicht nur lesen, sondern auch riechen kann.

Dass deren gefährliche Unwahrhaftigkeit nicht eigentlich jene offensichtlich textsemantisch-logisch kritikable ist, sondern vielmehr im Stil gründet. (Mal abgesehen davon, dass auch falsche Logik, egal ob wissentlich oder unwissentlich, mitunter sehr gut verpackt sein kann.)

Tatsächlich wären die Texte dieses Mannes – deren ich bisher nur einige wenige gelesen habe, aber das reicht – ein herausragendes zeitgenössisches Anschauungsmaterial für ein Seminar mit den begabtesten jungen Sprachwissenschaftlern des Landes.

Der Mann ist so gewitzt, dass es sich verlohnen möchte, mitunter jede einzelne Abtönungspartikel im Zusammenhange in Augenschein zu nehmen.

Wenn ein Höchstbegabter in tadellosem Deutsch lügt, dann wird es richtig spannend.

Nun gut, solange nicht wenigstens zwei ausgezeichnete Philologen bei mir privat buchen, werde ich der Sache allein auf den Grund gehen müssen.

Sobald mir mal wieder nicht langweilig ist, werde ich die Muße dafür haben.

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