Vom Sprechen und vom Schreiben

Gestern schrieb ich in einem Rückkommentar an Leserin “Lesezeichen”:

“Und unsere Schriftsprache ist in der Tat oft unzulänglich.

Hört und sieht man einen Menschen zu seinen geäußerten Worten, so hat man, zumindest in der Regel, ein klareres Urteil.

Aber schon diese Aussage ist trügerisch, einzuschränken.

Ist man jenem oder jener gewogen oder weniger gewogen, versteht jener oder jene bestimmte Beimittel gut einzusetzen: schon trübt es die Sache sehr leicht.

Die Schriftsprache ist unbestechlicher.

Es steht für jeden da.”

Einer meiner Lieblingssprüche gegenüber Schülern, ihnen das Wesen von Sprache zu erklären (er mag banal klingen, ist es aber nicht), lautet: “Sprache kommt von Sprechen, sonst hieße sie Schrift.”

Allerdings ist auch das schon wieder nicht die ganze Wahrheit, denn die Sprache, auch im Sinne des Sprechens, kann ja nicht nur durch Gesagtes und Gehörtes entscheidend entwickelt werden, sondern auch von Geschriebenem und Gelesenem.

Das Geschriebene hat, wenn aufgehoben beziehungsweise gespeichert, den unbestreitbaren Vorteil (oder Nachteil) der Dauerhaftigkeit und Nachweisbarkeit.

Deshalb strengen sich zumindest die meisten auch mehr an, etwas halbwegs Vernünftiges zu sagen, wenn sie schreiben, denn wenn sie reden.

Andererseits gibt es nur sehr wenige Leute – bei mir mag das ab und an vorkommen – , die am Tage mehr schreiben, als reden.

Und da uns jedes geäußerte Wort (lassen wir die gedachten in diesem Diskurs mal außen vor) prägt, kommt hier wieder die Vorhand des Gesprochenen zum Zuge.

Bleiben die Dichter.

Menschen, die Texte verfassen, die, selbst in einer Zeit, wo man sich ziemlich gut darauf verlassen kann, dass wenigstens die NSA von allem, was den Weg ins Netz fand, noch eine Kopie vorhält, nicht eben doch im Grunde vergessen werden, also sprachprägend wirken.

Aber, wenn wir schon beim Schlapphutwesen sind, so lache ich immer noch darüber, wofern nicht gerade “Nanothermit” oder Ähnliches zum Thema eines Textes wird, über deren Sammelwut und gar Vorstellungen, die wären bald oder jetzt schon in der Lage, daraus einen künstlich intelligenten, dem Menschen überlegenen Sprachgeneratoren, eine Art Linguroboter zu schaffen, der uns aus all seinen Speichern und Algorithmen auch nur einen wirklich inspirierten Text, zu propagandistischen Zwecken natürlich, was sonst, zu liefern in der Lage wäre.

Nicht ausschließen will ich allerdings, dass es in absehbarer Zeit – oder bereits – dafür reichen könnte, Texte für Deppen abzuliefern.

Dafür hat man aber cheape SchreiberlingInnen.

Die man indes so auch noch einsparen könnte.

Das wäre natürlich dann der Hartz für so manchen, der jetzt noch mit einem Presseausweis herumgeistert.

Mir ist nicht bange davor.

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