Die erlöste Nation

So langsam frage ich mich, ob man Leute, die einen als “Verschwörungstheoretiker” oder gar als “rechts” bezeichnen, nicht wegen Verleumdung, Beleidigung oder übler Nachrede erfolgreich verklagen können müsse.

Schließlich ist das Substantiv inzwischen zu einer Art Synonym für “gemeingefährlicher Irrer”, “gesellschaftszersetzender Paranoiker”, “jugendgefährdender Schmierfink”, “Perverser” usw. geworden, alswelche sprachliche Entwicklung ein ordentliches Gericht sicherlich berücksichtigen sollte (es sei denn natürlich, es wäre dem “Verschwörungstheoretiker” nachzuweisen, dass es keinerlei Verschwörungen gebe und auch je gegeben habe).

Was das Adjektiv anlangt, so ist es in weiten Kreisen zweifelsohne zum blanken Schimpfwort mutiert, wird, obschon in keiner Weise klar definiert, als Quasisynonym für “faschistisch”, “demokratiefeindlich”, “böse” usw. verwendet.

Um eines schonmal klarzustellen: Ich bin links, dass es kracht und betreibe Verschwörungen ausschließlich praktisch.

Da ich multipel polyphren bin, kann ich selbst Letzteres bloß mit meinen diversen Alter Egos.

Rechts sehen Sie unter “Kategorien”, über wie viele derer ich verfüge. (WordPress hat mir leider nicht ermöglicht, sie links zu plazieren; sehr verdächtig, in der Tat; aber Sie finden auf dieser Seite ansonsten nur jede Menge brave Links und bis heute noch nicht einmal einen einzigen bösen Rechts.)

Als Linguist finde ich es auch erbaulich, dass sich unsere schöne deutsche Sprache so schnell semantisch weiterentwickelt; vor wenigen Jahren fürchtete ich noch, sie möchte den Sinntod sterben.

Inzwischen ist sie so unsinnig geworden, dass ich mir darüber keine Sorgen mehr mache.

Panta rhei.

Und als Satiriker bin ich selbstverständlich nochmal um drei Zehnerpotenzen frohgemuter.

Man muss sich keineswegs mehr in Irrenhäusern einmieten oder ins Kloster gehen, um der Unfüge locker masse zu erhaschen.

Fast ist es, als träumte ich darob und wähnte mich schon im Paradiese.

So weit ist es aber doch noch nicht.

Es sind noch ein paar unverhunzte Wörter übrig.

Die ich jetzt natürlich nicht verrate. (Naja, ich will mal nicht so kleinlich sein: Inzwischen gehört sogar “und” dazu. Die Erklärung dafür müssen Sie aber schon selber rausfinden. Gleichwohl bemerkenswert, dass wir inzwischen selbst die Strukturwörter freihändig angreifen können.)

Ich habe mich jedenfalls lexikalisch nie besser gefühlt.

Jedes Wort wird wie von selbst zum absurden Theater.

Allüberall Seppel und Simpel, die einem die Ideen völlig ohne eigenes Zutun, unbewusst wie schnarchende Nacktmulle, in den Schoß (früher hätte man wohl “Busen” dazu gesagt, aber das Wort kennt in dieser Bedeutung auch kaum noch einer) werfen, schafsmediale Lallbacken ohne Ende, ein unerschöpfliches Reservoir an mundgerechtem Bembelschiet, grammatisch abgestürzte Sätze, man sägt inzwischen wie selbstverständlich auf dem Ast, auf dem man sitzt.

Ich liebe es.

Endlich weiß ich, weshalb ich mich so lange mit der deutschen Sprache beschäftigt habe: um diese hart an der absoluten Glückseligkeit vorbeischrammende Teraposse täglich in mich aufsaugen zu können, ob ihrer Kostenlosigkeit tausendfach für alle vergangenen Mühen entlohnt, Deutschlands ultimativer Glückspilz, jeder Buchstabe eine Erleuchtung, alles Missratene und Zerfitzte Freud und Huld, ein einziges geistiges Höhenfliegen, ohne das Risiko eines LSD-Trips, von Freiburg bis Usedom nur noch fröhlich Abgedrehte, die endlich erlöste und befreite Nation.

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort hinterlassen