“Männer” als Cyberweiber

Erstmal ein Aufreißerzitat aus dem durchaus lesenswerten Focus-Artikel über “männliche” Hirnkrankheit:

“Den Möglichkeiten der Schönheitschirurgie, die Männer für sich ausschöpfen, scheinen mittlerweile kaum mehr Grenzen gesetzt zu sein. In den Schwulenkreisen von Los Angeles und Rio de Janeiro lassen sich viele einen herkulischen Brustkasten oder einen brasilianischen Knackpo mit Implantaten formen.”

Ich weiß, dass manche(r) davon mal wieder nicht angetan sein wird, dass ich hier, nach meinen Tiraden bezüglich Ganzkörperrasur, Piercings und Tätowierungen, jetzt auch noch über Schönheitsoperationen ablästere.

Ausgerechnet ich.

Ganz genau, gerade ich, der oft unter dem Messer lag, bis man sein verbranntes Gesicht wieder halbwegs als solches bezeichnen konnte. Er das Maul wieder mehr als einige Millimeter weit aufbekam.

Und genau da liegt der Punkt.

Wer wollte es jenem Kickboxer mit völlig verknollt geschlagener Nase, ständig verstopft, verdenken, dass er sie sich richten ließ?

Was aber treibt Männer, die weder eine verkrüppelte Hand haben, noch auch eine wirklich entstellte Feige mit versperrtem Schlund, also zwar auch gewisse Schönheitsprobleme, aber vor allem solche der Funktionalität, zu Botox und unters Messer?

Hollywood und George Clooney, also “the sexiest man alive”?

(Nebenbei will ich noch einen, soweit mir mehrfach erklärt, sachlichen Fehler im Focus-Artikel erwähnen: Mann bekommt keine Titten vom Saufen. Nur vom übertriebenen Biersaufen. Wegen der Östrogene im Saft. Der typische Bauch folgt natürlich sehr leicht auch daraus.)

Nachvollziehbar ist die ganze Sache natürlich schon.

Ich weiß nicht, wie oft man mir schon erklärt hat, Frauen (lassen wir die oben erwähnten Schwulen jetzt mal diskriminatorisch außen vor) schätzten an Männern vor allem ihre Kohle und ihren sozialen Status (den nicht ganz so sehr, aber auch).

Was soll die Mannswurst denn, zumal in der Öffentlichkeit und im beruflichen Umfeld, gestopft und ob der Stellung schon bewundert genung (die Städtestatistik im Focus spricht Bände dazu), noch aus sich rausholen, als Körperfett, Hängebrüste und Falten?

Es passt alles zum Bilde des Mannes auf dem Wege zum Weibe.

Zur durchgängigen Androgynisierung, zum Metatribalismus, da ja die Nation nichts mehr gilt, zur Pseudostraffung angesichts mentaler und körperlicher Erschlaffung.

Seitenweise erzählen uns Promis, wie sie sich “fit” halten.

Nur gelegentlich ein Fingerhut Champagner, der sei in Maßen gut für den Teint, abends keine Kohlenhydrate mehr (würg), 88 Tips zur “Wellness” (kotz), zweihundertvierunddreißig Weisheiten zur Entspannung (schön, wenn man die bezahlt bekommt), dazu Yoga, Meditation, Bibellesen (letzteres derzeit eher out, kommt aber vor), Hirnhälftentraining, Kinesiologie (oder chinesischer Medizin), Kopfständen, Superfoods, autogenem Training, Heilsteinen, jeder Sorte Firlefanzen, Spirigefasel, am liebsten mit Verweis auf den Dalai Lama, weil sich gegen den außer mir keiner was zu sagen traut, Ratschlägen zum Schlafe, dem Laufband im Hotel als Heroenerhaltungsgerät, Spezialtee, alles, nur nichts, was anecken könnte (außer bei mir), nichts, was mit Mut und der Förderung des Verstandes zu tun hätte. (Nicht, dass ich meinte, alle obengenannten Mittel seien grundsätzlich wirkungs- und sinnlos. Man beachte den Kontext.)

Letztlich nichts, was einen Mann ausmacht.

Nur Mode, Oberflächlichkeit, Muckertum, Scholastik des feigen, versteckten Hedonismus, kleine Gier, Freudlosigkeit, Angst vor jedem echten spontanen Überschwang, geistige Waffenlosigkeit, im Grunde Lebensmüdigkeit, kaschiert, übertätowiert, den Mann abrasiert und abgesaugt, vor allem sein Hirn, ihm – wie sollte es anders sein – dafür auch noch sein weibsgleich Liebstes, sein Geld, abgezogen, zur Marionette gemacht, zum sozialesken Kokott, zum babbelnden Nicheinmalmehrhundsfott, zum Tugendgrab.

Genug?

Nein, es ist nicht genug.

Dieser Selbstbelug, Unfug, Trug bedarf noch eines Satzes.

Ihr seid nurmehr Cyberweiber.

(Hier noch ein Vorheiligabendnachtragslink)

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2 Antworten zu ““Männer” als Cyberweiber”

  1. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    eigentlich wäre das alles gar nicht schlimm, wenn diese Leute einfach nur unter sich bleiben würden. Die Gefahr besteht aber darin, dass sie Maßstäbe für andere setzen. Ich finde, wir haben schon genug bulimische, magersüchtige, depressive Jugendliche. Wir brauchen nicht noch mehr davon.

    Das aktuelle holländische Supermodel für einen wonderbra ist übrigens ein Mann.

    http://www.tuoitrenews.vn/cmlink/tuoitrenews/lifestyle/andrej-pejic-first-male-bra-model-1.54581

    H+M macht zur Zeit Werbung mit perfekten Supermodels aus dem Rechner, denen man “echte” Köpfe von lebenden Exemplaren verpasst hat. Klasse, was.

    Ich finde das einfach nur pervers, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Heerscharen von Jugendlichen (und wohl auch Erwachsenen) diesen sogenannten Idealen hinterher hecheln.

    “Schöne neue Welt, die da vor uns liegt. So schön, dass man von ihr kalte Füße kriegt”

    kopfschüttelnd

    das Lesezeichen

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Es geht genau um das, was Du ansprichst.

    Mir ist es im Grunde schietegal, wer sich in Rio wie ins Dunnewo befördert.

    Es geht um die Vorbilder, die Kindern und Jugendlichen gesetzt werden.

    Um die Mache, die Masche, die gezielte Normalisierung des Aberrrativen.

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