Vorsicht Mantrafalle!

“Es geht den Leuten noch nicht schlecht genug!”

Obigen Spruch höre ich immer wieder, aus verschiedenen Mündern, durchaus nicht von dummen Leuten, wenn es darum geht, weshalb sich kaum einer gegen die Verpfändung des Volksvermögens, die Aufgabe von Souveränität und demokratischer Einflussnahme an Kommissare und Räte usw. wehrt, aufsteht und seinen Unmut wenigstens auf die Straße trägt.

Er kommt wie ein Mantra.

Wie selbstverständlich und alleserklärend.

So etwas macht mich prinzipiell misstrauisch.

Analysieren wir die Aussage mal ein wenig.

Wer sagt denn, dass der Mut von Leuten wächst, denen es schrittweise – oder gar schlagartig – immer schlechter geht?

Normalerweise ist das Gegenteil der Fall.

Des weiteren: Birgt diese Aussage, diese Interpretation, nicht selbst etwas Resignatives, Defätistisches, kleinmütig Vereinfachendes, letztendlich eine unwillentlich den Widerstandsgeist untergrabende Ausrede?

Wenn ich sehe, wie gerne dazu murmelnd-zustimmend traurig genickt wird, kann ich diesen Verdacht kaum von der Hand weisen.

Man entschuldigt dergestalt nämlich in Wirklichkeit die eigene Zagheit, das eigene Allzuwenigtun, lädt die Verantwortung hierfür bei anderen, bei einer vermeintlich anderen geschuldeten Aussichtslosigkeit, ab.

Und ist so vor sich selbst Schneider frei, indem man selber bloß hocken bleibt und wartet.

Unbewusst-zynischerweise darauf, dass es den Leuten schlechter gehen möge.

Man bedenke dazu, dass praktisch kein Stuttgart-21-Gegner, teils bis hin zum Fanatismus, oft mit größter Ausdauer und persönlichem Einsatz (Parkschützer), auf die Straße ging, Plakate klebte, sich die Seele aus dem Leibe schrie, sein halbes wenn nicht ganzes Leben mit seinem Widerstand verbrachte, weil es ihm ob des geplanten Bahnhofs schon immer schlechter oder überhaupt irgendwie schlecht ging.

Da boten Leute all ihre Energie auf, wegen eines zweifelhaften regionalen Infrastrukturprojektes, ohne echte Not, während sie tatenlos zusehen, wie ihre Freiheitsrechte, ihre demokratische Partizipation ausgehöhlt werden, ihr ganzes Vermögen per ordre de mufti verpfändet wird, man ihnen mit Krieg droht, schon Krieg führt, in Mittelasien, das Grundgesetz bricht, dass die Schwarte kracht.

Nein, dies Mantra ist allerhöchstens von teilweiser Wahrhaftigkeit, kann jedenfalls nicht so en passant erklären (Mantras dienen meist eh nicht der sinnigen Erklärung, sondern der Befestigung im Glauben, der Autosuggestion), weshalb die Leute so lethargisch erscheinen.

Ich meine eher, dass die Leute Angst haben.

Und verdrängen.

Sie wissen tief drunten, dass sie gegen einen Bahnhof demonstrieren dürfen, und es passiert ihnen (mit jener traurigen Ausnahme an einem Tag, da es schwere Augenverletzungen gab) nichts, sie müssen weder einen Arbeitsplatzverlust befürchten, noch auch, dass man sie in die richtig schwarzen Listen einträgt, als Nationalisten, als Rechtsradikale stigmatisiert, als Staatsfeinde abstempelt, mit all den potentiellen Konsquenzen, die das haben kann, wenn es ernst wird.

Die Leute sind nicht so dumm, nicht zu wissen, dass sie heutzutage nicht nur dauerhaft ins Visier der Staatsmacht kommen können, sondern auch jederzeit irgendwo gefilmt oder fotografiert werden, um dann auf Youtube zu erscheinen, dass jeder Text, jede Äußerung von jedem Ziegenseppel in der Suchmaschine gefunden werden kann, praktisch auf ewig.

Schließlich mag es bei den Deutschen auch noch einen besonderen Faktor im kollektiven Unterbewusstsein geben. (Bei manchen auch im Oberbewusstsein.)

Nämlich das durchaus nicht als paranoid zu erachtende Gefühl, dass zwar der Franzos oder der Pole oder der Holländer seine Geschicke wieder mehr in die eigenen Hände nehmen darf, der Brite zumal, dass man das dem Deutschen aber nicht erlauben wird, und sei es, dass dies tatsächlich Krieg bedeutet.

Von allen Völkern Europas, so steht in der Tat zu vermuten, werden wir wahrscheinlich das letzte sein, das Washington und die Brüsseler Krake in die Freiheit werden entlassen müssen.

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4 Antworten zu “Vorsicht Mantrafalle!”

  1. echo sagt:

    als s21-protestler muss ich sagen, dass du natürlich recht hast… jedoch würde ich sagen, dass viele hier auf den demos “dazugelernt” haben, sich mehr und mehr über zusammenhänge gedanken machen und sich nach und nach getraut haben, über den tellerrand hinauszuschauen.
    ich wurde selbst schon oft von leuten (bei denen ich es nie vermutet hätte) zu themen angesprochen, die vor kurzem noch undenkbar gewesen waren. sei es die souveränität deutschlands, seien es chemtrails, sei es lobbyismus, sei es medienpropaganda… die leute beginnen unvoreingenommen, sich mit diversen streitbaren themen auseinanderzusetzen.
    auch eine große reise beginnt mit einem kleinen schritt :)
    in diesem sinne, oben bleiben

  2. Habnix sagt:

    Das ist wie der Spruch: “Ich alleine kann da nichts tun”

    Wo bleiben die Aufrechten Rechtsanwälte,die sich der Sache annehmen?

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ echo

    Ich hoffe, dass Du im angegebenen Sinne recht hast.

    Es bleiben Zweifel.

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Habnix

    “Aufrechte Rechtsanwälte”?

    Ablinkende LinksanwältInnen klänge politisch korrekter.

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