Unterlassen als Tugend

Man hat Unterlassen zur Tugend hinaufstilisiert.

Ich habe es schon einmal aufgegriffen, aber es gehört erst recht nochmal hierher.

Das Unterlassen von Ehebruch, des Fluchens, unmäßiger Gewalt, der Häme, des Neides, übler Nachrede, der Meuchelei bedeutet keineswegs schon Tugend.

Tugend hat mit Tun zu tun.

Aber nein, heute gilt als Tugend, dass einer kein Fleisch isst, noch nicht ein Glas Wein trinkt, keiner Frau auf den Busen guckt, streckte sie ihn auch noch so sehr für ihn raus, dass niemand mehr Nein sagt, dass man jeden Perversen lieben lernt und in sein Herz schließt, Bomben für den Frieden segnet, Zuhälter ob ihres harten Jobs bemitleidet, Weizenprodukte meidet, schmallippig dasitzt und schrumpelig, indem frau, ihr gemäß, nur noch den mental wie körperlich Klapprigen schätzt, ansonsten, indem jeder Gesunde zur Klagemauer der Bedürftigen, nein, nicht der wirklich Bedürftigen, sondern der Möchtegernbedürftigen gemacht, dabei selbst heimlich auf Valium, wenn nicht Valuron, ein einziges verklemmtes, verlogenes, abgestürztes Gestinke, die Männer, soweit sie so überhaupt noch zu nennen sein mögen, ein hilfloser Haufe, bettelnd um Schwatzschauplätze als Klakeure, manche gerade noch sich aufbäumend, versuchend, ein Widerwort zu gewinnen, sodann verschmäht, verlacht, wenn, zum Affen gemacht, ohn Kontur, Kulissen nur, Nichtse, Wichte, endabgeseilt, dabei glücklich noch, ohne auch nur granweis ihres Schicksals zu wissen, ihrer selbst zu missen, Knet, Signet, kein wirklich Ding, nur Liedsing, aus, ab am Ende, nichts verstanden, Puppe, schnuppe, gebraucht, verbraucht, unwichtig, nichtig.

Virtus, Tugend, leitete sich früher noch von Mannhaftigkeit, von Tüchtigkeit, Tapferkeit, Tun, Tatkraft ab.

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10 Antworten zu “Unterlassen als Tugend”

  1. Malinka sagt:

    Gehen sie mal zum Arzt und lassen sich mal nen Fick verschreiben!

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Malinka

    Auf den ersten Blick keine schlechte Idee.

    Leider aber ist mein Selbstbehalt bei der Kasse so hoch, dass ich erst nach dem – ungefähr – dreißigsten Hurenbesuch auf Erstattung rechnen könnte. (Mit den Quittungen mag es dann auch noch gewisse Probleme geben.)

    Aber da Sie sich – vermutlich – auskennen und von daher einen Arzt wissen, der solche Rezepte ausstellt, wäre sicher der ein oder andere Leser dankbar, dessen Adresse zu erfahren.

    Ich denke auch, dass eine derartige Veröffentlichung hier noch nicht den Straftatbestand der Förderung der Prostitution erfüllte.

  3. Dude sagt:

    “Virtus, Tugend, leitete sich früher noch von Mannhaftigkeit, von Tüchtigkeit, Tapferkeit, Tun, Tatkraft ab.”

    Welch Tacheles taktender, temperamentvoller Ton :)

    Mann, wie bringst Du nur solche Sätze hin (also den langen ;-) )? Ich muss die – ehrlich gesagt – immer laut lesen, als stünde ich auf der Bühne, damit ich sie wirklich im Ganzen verstehe :-D

    Ps. Das Unterlassen des Rauchens hast Du aber glaub noch vergessen in Deiner Satzperle hier ;-)

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Wie man solche Sätze hinbringt? – So genau weiß ich das nicht, aber etwas Übung gehört schon dazu. Es schadet natürlich auch nicht, Kleist und Nietzsche zu lesen.

    Und, ja, das Unterlassen des Rauchens zu erwähnen, habe ich schlicht vergessen.

  5. Dude sagt:

    Ich glaube ja, das wird Dir alles heruntergekanalt, wie es auch schon bei Nietzsche der Fall war. Und da Deine Grundeinstellung sehr offen und ganzheitlich ist, bist Du auch der geeignete Empfänger, insbesondere auch weil Du nun mal das Talent der Wortmagie in höchstem Masse kultiviert hast und dadurch beherrschst, da Du Dich seit langem intensivst damit auseinandersetzt.
    Aber das ist nur eine Vermutung meinerseits :-)
    Ich jedenfalls kann hier mit Dir nicht mithalten – egal welche Mühe ich reinstecke – doch es ist mir jedesmal eine riesige Freude solche geistigen Leckerbissen aufnehmen zu dürfen, danke. :-)

    Liebe Grüsse

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich will zu “herunterkanalt” mal nur soviel sagen, dass es mitunter, selbst in wirklich gelungenen Fällen, die ich auch Monate später noch dafür halte, erstaunlich leicht, schnell, wie selbstverständlich vonstatten geht, einen jener Bandwurmsätze hinzuschreiben (gerade klemmt das “ä” auf meiner Tastatur, will ärgerlicherweise manchmal einen Extradruck, was das wohl bedeuten mag…), die dann doch einen eben nur solchermaßen erzielbaren, nichtlinearen, mehrdimensional verknüpften Sinn ergeben, dass die eine oder andere Schicht dessen nicht unmittelbar erhellt, aber schon zu wirken vermag, bevor sie erkannt wurde.

    Das ist in der Tat eine eigenartige Erfahrung. Allerdings bin ich von wegen “herunterkanalt” aus mehrerlei Gründen vorsichtig und skeptisch. Auch abständig (schon wieder das vermaledeite “ä”).

    Zunächst mal (man merkt erst, wenn das “ä” hangt, wie oft es vorkommt) habe ich keinen Bock darauf, irgend größenwahnsinnig zu werden, was man ja regelhaft bei jenen beobachten muss, die meinen, dass sie “Channelings” erhielten. Des weiteren: Wer weiß, welche Entität einen da erfasst, wenn man sich darauf einlässt?

    Das ganze Gebiet ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, sehr heikel.

    Außerdem betrachte ich mich auch in solchen Fällen keineswegs nur als ein Medium, “nur Mundstück”, wie Nietzsche es ausdrückte; das mag, wenn einer es so betrachten will, Ausdruck einer gewissen Eitelkeit sein; wir sprachen aber beide auf verschiedene Weise an, dass es schon langer, harter, konzentrierter Arbeit bedarf, bis dass man ab und an die Worte als einem zuzufliegen erscheinend erlebt.

    Und es gibt auch keinen Knopf, auf den man nur draufdrücken müsste, damit so etwas eintritt. Ich hatte zudem noch nie das Gefühl, dass irgendein bestimmtes Wesen mir diktierte. Es ist eher so, dass man manchmal an bestimmte Sphären und damit verbundene Assoziationsketten herankommt.

    Eigentlich wollte ich darüber ja gar nicht schreiben. Oder zumindest noch nicht.

    Dir aber hier eine Antwort zu verwehren, oder mich hinter einer fadenscheinigen zu verstecken, das wollte ich dann auch nicht.

    Es treten, soviel jetzt noch (mag man halt meinen, ich hätte einen Vogel, es dreht sich aber um viele), aber in diesem Prozesse um auch allgemein und fast jederzeit feststellbare Veränderungen in der begrifflichen Assoziation hinzu, auch im Alltag, erstaunlichster Art.

    Die will ich jetzt noch nicht ausbreiten (nicht nur, um nicht völlig für plemplem gehalten zu werden, außer vom Dude), da die ganze Sache mal in einen eigenen Beitrag gefasst gehört, auch ebenjene letzteren Aspekte zu beleuchten.

    Liebe Grüße

    P.S.: Ich habe übrigens gerade schon dreimal nachkorrigiert, hier ein Buchstabe, dort eine Partikel…: Nochmal durchlesen hat noch nie geschadet. Dass ich prinzipiell kein Rechtschreibprogramm benutze, und weshalb, habe ich an anderem Orte schon erwähnt.

  7. Dude sagt:

    Das ist es ja eben, was ich bei Dir so schätze, denn es wird nicht einfach so herunterkanalt (was übrigens eine Anspielung auf Deinen diesbezüglichen Artikel war ;-) ).
    Du hast das nötige Selbstbewusstsein und achtest die Selbstbestimmung hoch, und das ist in jeglichem Falle beinah zwingend, so etwas ernstzunehmendes dabei herauskommen soll.

    Jedes Medium bringt eigene Interpretationen – im weitesten Sinne – in die “Sendungen” herein, und das ist auch gut so, weil man sonst Gefahr läuft, in üble Fallen zu tappen; dessen war sich übrigens auch Meister Friedrich bewusst.

    “Und es gibt auch keinen Knopf, auf den man nur draufdrücken müsste, damit so etwas eintritt. Ich hatte zudem noch nie das Gefühl, dass irgendein bestimmtes Wesen mir diktierte. Es ist eher so, dass man manchmal an bestimmte Sphären und damit verbundene Assoziationsketten herankommt.”

    Letztlich ist es doch einfach inspirative Eingebung, deshalb kann man es auch nicht herbeiwünschen, sondern es muss stimmig sein, man muss seinen Empfänger auf die richtige Frequenz eingestellt haben.

    Die Grundfrequenz, welche in der persönlichen Weltanschauung gründet, ist bei Dir jedenfalls, meiner bescheidenen Meinung nach, in hohem Masse auf Ganzheitlichkeit ausgerichtet (Du gibst Dir jedenfalls grosse Mühe dies so handzuhaben), was in – aber insbesondere zwischen – Deinen Zeilen klar heraussticht, so man sie auch bewusst aufnimmt, und sich eigene Gedanken dazu macht.

    Sobald natürlich ein Wesen, deren es gewiss nicht wenige gibt, zu diktieren beginnt, sollte man den Kanal schnellstens schliessen.

    Lieben Gruss

  8. Dude sagt:

    @Ps.

    Definitiv hat das noch niemandem geschadet und es sollte öfter getan werden, dann gäbe es auch nicht so viel Geplapper in der Welt.

    Und wieso sollte ein Sprachwissenschaftler ein Rechtschreibeprogramm benötigen?? ;-)
    Ich würde es zwar nicht wagen, mich selbst als solchigen bezeichnen, doch halte ich dies auch so.
    Allein schon das regelmässige Lesen hier, gibt mir gewisse Inputs, was noch zu verbessern ist, und ich arbeite kontinuierlich dran, da ein Unterlassen davon in gewissem Sinne den Geist kontinuierlich austrocknet.

  9. Jimmy Hutter sagt:

    Tugend ist eine Eigenschaft, die Grenzen zu kennen und zu wissen wo sie nicht überschritten werden sollte. Denn sonst tuts weh, und wer möchte schon “Schmerzen”.

  10. Jimmy Hutter sagt:

    Tu es:)

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