Klüger wäre ruinös

“Ein Jahr danach

Warum die Welt durch die Finanzkrise ärmer, aber nicht klüger wurde”

Der SPIEGEL-Titel von heute – und die dazugehörige Story – ist ein typisches Beispiel, bei dem man sich fragen muss, wovon die Journalisten eigentlich reden, von welcher “Welt” bitteschön?

Der größte Teil der Welt nämlich, fast alle, wurden in der Tat ärmer, aber die weitaus meisten, die den Wahnsinn nicht schon vorher sahen, sind jetzt durchaus klüger geworden.

Das Nachrichtenmagazin spricht von zwei völlig verschiedenen Welten als einer: Die Verursacher der Krise, welche jetzt klüger sein sollten (warum eigentlich, im Sinne des Gemeinwohls etwa? – es hat doch alles prima geklappt!) sind nämlich durchaus nicht ärmer geworden, sondern noch viel reicher.

Eigentlich stellt sich hier die Frage, ob man beim SPIEGEL so mit Einfalt geschlagen ist, wie dieser Titel nahelegt, oder ob man (fürchterliche Verschwörungstheorie, nicht wahr?) vorsätzlich eine Nebelkerze gezündet hat, nach dem Motto: Schaut her Leute, man hat euch abgezockt, und ihr seid trotzdem immer noch so doof wie vorher. Wundert und beklagt euch also nicht, wenn die Sache gerade so weitergeht!

Dabei sind vielleicht nicht die Leute vom SPIEGEL klüger geworden, deren Lernresistenz ja auch schon lange legendär ist; aber außer Lieschen Müller und Peer Steinbrück haben auch Spezialisten wie Josef Ackermann durchaus dazugelernt: Letzterer und Kumpane wissen jetzt, dass sie nicht nur die ganze Welt ruinieren und dazu noch jeden Bockmist erzählen können, solange und soviel sie wollen, ohne dass ihnen irgendjemand etwas anhätte, dabei locker selbst Staatsgelder zu Boni machen und sich insgesamt einen Ast lachen.

Auch ich maße mir an, wenigstens ein bisschen klüger geworden zu sein, denn ich rechnete zwar seit Jahren mit dieser oder einer ähnlichen Finanzkrise; welchen Verlauf deren Scheinbewältigung dann aber zunächst nehmen würde, wusste ich nicht; jetzt habe ich den ersten Schritt derselben miterleben dürfen.

Die SPIEGEL-Schrabbeleure haben wohl nur von sich auf den Rest geschlossen: Auch sie werden als Vertreter der (oberen) Mittelschicht am Ende ärmer geworden sein, nur leider nicht klüger.

“Wie der größte Teil der Welt ausgeplündert wurde und warum die Politik den Finanzmarodeuren trotzdem nicht das Handwerk legt”:  Ein solcher Titel ist natürlich nicht nur ob jener Lernresistenz kaum zu erwarten, sondern auch, ich schlage gerade nochmal den Fetzen Heft auf, da schon die “Hausmitteilung”, in welcher die Titelgeschichte näher angekündigt wird, links von einer ganzseitigen MLP-Anzeige (“Finanzberatung, so individuell wie Sie.”), rechts von einer der Volksbanken-Raiffeisenbanken (‘ “die Welt sehen” – “Ich.” – “MEINE EIGENE BANK.” – Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. – Wir machen den Weg frei. – was uns antreibt.de ‘) trefflich eingerahmt ist, wenig wahrscheinlich.

Die SPIEGEL-Journalisten könnten es sich gar nicht leisten, klüger zu werden, selbst wenn sie dies wollten und gar noch dazu in der Lage wären: also vergessen wir mal wieder eine blöde Verschwörungstheorie.

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Eine Antwort zu “Klüger wäre ruinös”

  1. byrresheim sagt:

    Ach, auf Herrn Ackermann würde ich nicht gar so schimpfen, der tut nur seine Pflicht und hat auch schon öffentlich erklärt, er wolle nicht das Schicksal seines Vorgängers Herrhausen erleiden. Das ist verständlich und nachvollziehbar.

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