Losen und Loosen

Ich erwäge inzwischen, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und zur Bundestagswahl politisches russisches Roulette zu spielen, um der Front der Afghanistan-Krieger eben doch zwei Wählerstimmen entgegenstellen zu können, ohne dass ich am Einzelergebnis eindeutig schuld wäre.

Von zwei Parteien, die bekannt sind, ist bekannt, dass sie sich öffentlich wiederholt für ein baldiges Ende der deutschen Beteiligung am Afghanistan-Krieg eingesetzt haben.

Diese beiden Parteien dieser Vernünftigkeit nennen sich “Die Linke” und “Nationaldemokratische Partei Deutschlands”.

Wer nun seine Stimme gegen den Krieg abgeben will, aber nicht willentlich Die Linke oder NPD wählen, der zieht Lose für die Erst- und die Zweitstimme.

Wenn die Sympathie in einer Richtung doch größer ist oder die relative Größe der Linken gerechtigkeitsmäßig nach oben oder unten berücksichtigt werden soll, ist dies durch die prozentualen Losmengen demokratisch mit einzubringen: zum Beispiel 6 zu 30 Lose bei der Erststimme, 8 zu 16 bei der Zweitstimme.

Es ist dann wie bei der Hinrichtung an der Wand, bei der immer ein Soldat des Kommandos eine Platzpatrone im Lauf hat, so dass jeder wähnen kann, er sei es nicht gewesen.

Zudem hat die Sache noch einen Vorteil: Wer beim Losziehen merkt, dass er das Ergebnis so gar nicht in der Realität ertragen kann, ist nicht tot, sondern kann aus dieser unmittelbaren Stammhirnerkenntnis heraus immer noch in seinem eigenen Spiel nachbescheißen, und machen, was er will.

Am Sonntag Vormittag findet in Hammelburg ein CSU-Wahlfrühschoppen mit Kandidatin statt; vielleicht werde ich dort mal ein bisschen bluffen und ganz dreist behaupten, das Linke-NPD-Spiel fände inzwischen auf Szene-Parties als begeistert angenommenes Gesellschaftsspiel statt.

“In Teilen Berlins sind bereits Wetten üblich, bei denen der Unterlegene eine der beiden Parteien wählen muss, mit johlender Eskorte zum Wahllokal und unter höchstem Ehrenwort. In den Vordenkerzirkeln am Prenzlauer Berg ist man sich einig, dass alle Stimmen für “Das Duo” sozusagen individuell und möglichst unfreiwillig verbrochen daherkommen sollen, damit keiner für das Erstarken der Linken und der NPD verantwortlich zu machen ist. Das ist Wählerverhalten 2.0.”

Die Warmduschervariante des Spiels funktioniert so, dass den Losen des Duos noch Nichtwählerlose beigemischt werden, so dass man im Falle der Ziehung eines solchen nichts dafür kann, dass man nicht gegen den Krieg gestimmt hat.

Eine verschärftere wiederum sieht so aus: Wer beim Wettsaufen oder Wettpoppen verliert, muss bis zur Wahl jedem erzählen, dass er jetzt NPD wählt. Die NPD hat in dieser Spielvariante die Oberhand gewonnen, weil man für deren Werbung viel leichter eine handfeste Abreibung bekommt als wenn man bloß die Linke anpreist.

Gleichwohl wurde auch ein Gegenbeispiel bekannt, über das Kreuzberg vierzehn Tage lachte: Ein szenebekannter Antifa forderte einen NPD-Rekordbüffel aus der Lausitz zum Ehrensaufen um die Wahl. Trotz Gerüchten, dass der Antifa mit LSD und Kokain gedopt gewesen sei, bestritt ehrenhafterweise niemand seinen eindeutigen Sieg, da die Getränke von den Sekundanten beider Seiten aufs schärfste konrtolliert und laufend unbeanstandet getestet worden waren.

Der Verlierer musste sich als schwul outen, sich die Glatze lila färben, mit einem schwarzen Anarchistenhemd herumlaufen, Gasthörerschaft bei den Lesben gegen Imperialismus beantragen und verschiedene andere Ordale überstehen.

Und, wie alles, was den Leuten Spaß macht, ist das Ganze inzwischen auch zu einem Geschäft geworden: Der private Wettmarkt ist geradezu explodiert.

Die demokratische Willensbildung ist im Fluss.

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