“Scheußlichste Mordphantasien”

Liebe Leser,

der folgende, am 25.6.09 in der F.A.Z. erschienene Leserbrief von Herrn Karl-Heinz Terpelle erscheint hier zunächst ohne Kommentar meinerseits.

Scheußlichste Mordphantasien

Fassungslos las ich in der F.A.Z. vom 22. Mai den Artikel “Fröhliches Nazischlachten” in dem ein Film rezensiert wird, der eine Mordorgie nicht nur verharmlost, sondern feiert. Das Stück Film hat den Namen “Inglourious Basterds”. In der Rezension “sehnt” sich Verena Lueken nach “Fröhlichem Nazischlachten”, bei dem man laut Artikel und Film: “Auf Nazijagd geht”, “keine Gefangenen macht” und “Skalpe sammelt”. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen waren noch widerwärtigere Aussagen darüber zu hören, wie man – wörtlich – “Vergnügen am Umbringen” finden kann.

Da man weiß, dass “Nazis” – zu der Zeit, in der der Film spielt – bei den Westalliierten und GIs die gesamte deutsche Bevölkerung bezeichnete (nur Stalin unterschied zwischen deutschem Volk einerseits und den Nazis andererseits), weiß man auch was GIs in der Realität unter Nazischlachten verstanden. Dies hatte schon Ernest Hemingway klargemacht, als er sich brüstete, wie er einen “deutschen Jungen in den Rücken schoss” oder einen “kriegsgefangenen deutschen Offizier erschoss”. Weitere Beispiele “Fröhlichen Nazischlachtens” durch GIs waren zum Beispiel: My Lai oder das jüngste Massaker in der irakischen Stadt Haditha. Sie waren konkrete Realisierungen dieses “Fröhlichen Nazischlachtens”, wie es die jeweilige Täterseite sah. Den Film trotz dieser Implikationen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Film mit extrem hohem Kultpotential zu bejubeln beleuchtet nicht nur schlaglichtartig die Moralität der deutschen Medienszene, es illustriert auch die Glaubwürdigkeit einer Mediendemokratie, die einerseits Krokodilstränen über die Morde von Winnenden vergießt und in kurzem zeitlichem Abstand zu ebendieser Tragödie von Winnenden scheußlichsten Mordphantasien applaudiert. Man fragt sich, warum fällt keinem der politischen und medialen Moralinhaber der schreiende Widerspruch auf, zwischen stets von Politik und Medien demonstrativ zur Schau gestellter Bestürzung und diesem Outing unverhohlener Mordlust. Wenn man sich schon in “Skalpschlitzern” und “platzenden Körpern” geradezu suhlen muss, sollte man vielleicht doch bedenken, welche Nachahmungslust man mit der Lobpreisung solcher Filme in Tätern wie denen von Colombine oder Winnenden weckt.

Die eklatanteste Wirkung solch eines Films ist jedoch das unleugbare Rechtfertigungspotential, welches Terroristen daraus ziehen werden. Es sind die gleichen Besatzer-Untaten – wie sie im Film als Rechtfertigung für das Morden dienen -, woraus die Überlebenden amerikanischer oder israelischer Massaker in den Reihen von Fatah, Hamas und Al Quaida die Berechtigung herleiten für ihrerseits “Fröhliches Besatzer-Schlachten”.

KARL-HEINZ TERPELLE, BERLIN

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